42 lange Marathonjahre

Kerio River am Rift Valley. Hier gab es die ersten Menschen. Ob sie sich auch so hetzen ließen wie wir es heute tun?
Kerio River am Rift Valley. Hier gab es die ersten Menschen. Ob sie sich auch so hetzen ließen, wie wir es heute tun?

Vorwort
Vor ziemlich genau 42 Jahren betrat ich als Jugendlicher, von Südamerika kommend, zum ersten mal einen anderen Kontinent – Afrika. Als ich vor zwei Wochen wieder Afrika anflog, wusste ich instinktiv, welche Wirkung diese Reise auf mich ausüben würde. Ich wußte, dass ich Bilanz ziehen würde – über 42 Jahre Leben. Diese würde nicht ausschließlich vorteilhaft ausfallen. Das war mir von Anfang an klar. Wie auch immer. Manche Dinge muss man tun und so tat ich.

Erster Lebensmarathon
Es waren mitunter 42 schmerzliche Jahre. Getrieben von Geltungsbedürfnis, es den anderen Menschen beweisen zu müssen wie toll ich bin. Spürend wie überfordert ich bin, habe ich trotz dem Jahr für Jahr dazugelernt. Geerntet habe ich Lob und Anerkennung, Tadel und Neid. Gegenüber anderen Menschen war ich niemals bösartig. Ich habe immer versucht meinen Marathon fair zu bestreiten und doch bin ich von Betrügern des Betruges bezichtigt worden. Allenfalls habe ich mich selbst betrogen. Das hat mir Kraft geraubt und manchmal auch an den Glauben an uns Menschen zweifeln lassen. Heute bin ich überzeugt, dass ein Lebensweg keineswegs beschwerlich sein muss, um daran zu wachsen. Es gibt globale Interessen, die unter dem Deckmantel der Gesellschaftsordnung für wenige von Vorteil sind. Gerechtigkeit ist ein Geschäft, Ungerechtigkeit auch. Alles ist ein Geschäft. Ist mein Leben auch ein Geschäft? Afrika ist arm. Die Menschen dort sind nicht ärmer als wir es hier, in unseren behüteten Wohlstandsgesellschaften, sind. Auch sie sind für wenige von uns ein Geschäft geworden!

Zweiter Lebensmarathon
Nach 42 Jahren + Jugend ist das Leben nicht immer vorbei. Afrika erneut zu betreten war für mich schmerzhaft und gleichzeitig befreiend. Ich fange wieder von vorne an. Ich werde langsamer laufen müssen und ich weiss nicht, ob ich nicht vom Schicksal gezwungen werde, diesen Marathon vorzeitig zu beenden. Ich werde mir nicht den Mut nehmen lassen es zu versuchen. Diesmal werde ich nicht vergessen zu weinen, wenn ich Schmerzen habe. Diesmal werde ich freudig lachen, wenn mir was gut gelingt. Diesmal werde ich jeden Kilometer registrieren und mich nicht mehr hetzten lassen. Ich werde auf die mir auferlegten Geltungskonventionen pfeifen, denn ich habe mir nichts mehr zu beweisen.

Miene Aufgaben
– Ich werde dabei laut schreien, wenn mich gehetzte, überforderte Jugendliche überholen und ihnen meine Hilfe anbieten. Weil ich sie mag und an sie glaube!

– Ich werde laut lachen, wenn mich lächerliche, arrogante alte Säcke überholen und kurz danach ins Gras beissen. Weil sie mich anwidern

– Ich werde all jene prepotente unbefriedigte Narzissten in den Arsch treten, wenn sie wie die aufgeplusterten Gockel an mir vorbeizischen und laut furzend die Umwelt und unsere Seelen verpesten. Weil sie Schaden anrichten

– Ich werde die verbissenen, geltungsbedürftigen blinden Hühner, die sich in falscher Hoffnung ständig übernehmen, ermahnen sich zu mässigen. Sie werden es nie schaffen zur Elite zu gehören. Weil sie ein falsches Vorbild abgeben

– Ich werde jene Begabten anfeuern, die mit Freude und Überzeugung ihr Marathon bestreiten. Je schneller sie an mir vorbeiziehen, desto mehr werde ich sie ermutigen, dem Ziel entgegen zu fiebern. Weil sie den rechten Weg gehen

– Und ich werde die Langsamen ermutigen durchzuhalten und ihr Tempo zu würdigen, sie in ihren Werten und Können bestärken. Weil sie auch wertvoll und liebenswürdig sind.

Für mich
Mein Leben war für andere ein gutes Geschäft, für mich kaum. Es geht nicht um Vergeltung oder Verurteilung. Das bringt mich nicht weiter. Es wird Zeit daraus die Konsequenzen zu ziehen und es besser zu machen. Wie heisst es so schön, nach dem Marathon ist vor dem Marathon. Die Geschäfte der Menschheit werde ich nicht verhindern können. Jetzt laufe ich in der Liga „uninteressant“ mit und das ist gut so. Jetzt bin ich ein alter erfahrener Hase, der keine Scheu hat die Wahrheit auszusprechen. Meine Klappe zu halten will mir nicht so ganz gelingen – was soll´s – so bin ich halt.

Nachwort
Kontinente sind in Lebensabschnitten übertragbar. Schulen, Ausbildungsstellen, Studiengänge, Arbeitsstellen, Sportvereine, etc.. Zu viele Jugendliche werden in den Sog „DU MUSST“ hineingepfercht. Nicht jeder hat das Glück sich im Laufe des Lebens befreien zu können. Sie werden Krank, entwickeln Suchtverhalten oder werden auffällig. Auch das ist ein Geschäft, ein sehr lukratives Geschäft. Doch diese Geschäfte haben eine dunkle Kehrseite. Ein Marathon zu bestreiten ist eine sinnvolle Aufgabe. Ohne solide Vorbereitung und ohne fürsorgliche Unterstützung jedoch kaum unbeschadet zu bewältigen. Das lehren wir unseren Kindern in unseren Einrichtungen nicht. Wir fordern sie auf „GUT und LEISTUNGSFÄHIG“ zu sein. Wir fordern sie auf „BESSER“ zu sein – ein großer Fehler. Wir sollten ihnen eher zeigen, wie sie einen erfüllten Lebensmarathon bestreiten können. Jeder sollte die Möglichkeit bekommen es versuchen zu dürfen. Klar –  kein gutes Geschäft mehr für wenige – dafür ein gutes Geschäft für jeden.

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