96 Jahre Gegenwart

Ja, ich bewundere ihn. Helmut Schmidt zu erleben ist es allemal Wert bis ein Uhr morgens vor der Glotze hocken zu bleiben. Im Interview „Altkanzler Helmut Schmidt bei Maischberger“ , welches nach dem DFB-Pokalkrimi BVB / Bayern ausgetragen wurde, hat Schmidt nicht nur mich beeindruckt. Früher war ich von seiner Schlagfertigkeit fasziniert, wie er mit unglaublicher Schärfe und Verstand in Millisekunden Antworten parat hatte. Er sezierte seine Diskussionspartner mit Wissen und Geschwindigkeit, nicht selten mit der zynischen Arroganz des überlegenen Denkers. Seine Stärke war es nicht nur gut Reden zu können, sondern auch dementsprechend zu handeln. Schmidt war ein Macher, der Eier hatte und zwar nicht aus narzisstischem Antrieb, sondern aus tiefster Überzeugung.
Gestern im Interview gab er sich anders. So habe ich ihn noch nie erlebt. Lange Pausen nach einigen Fragen. Die Spannung, die er damit erzeugte war wohl deswegen so hoch, weil man es von ihm so nicht erwartet hätte. Er ist mit 96 Jahren nicht mehr der ungehaltene Alleswisser. In diesen Momenten der Stille war für mich der Schmerz und die Last eines alten, weisen Mannes körperlich spürbar. Er hat sehr viel erlebt unser Helmut Schmidt, nicht immer Gutes und er hat Haltung dabei bewahrt. Für mich war es bewegend ihn in diesen unendlich langen Pausen erleben zu dürfen. Mir kam es wie ein Abschied vor – es waren gleichzeitig die Augen eines Säuglings und eines uralten Menschen die in die Kamera blickten. Unendliche Tiefe, Anfang und Ende – dazwischen das Leben als Auftrag. Wir haben mit unserem Leben eine Pflicht zu erfüllen. Diese Botschaft habe ich verstanden. Helmut Schmidt hat an diesem Abend wenig geredet und viel bewegt. Ich hoffe nicht nur bei mir.

Helmut Schmidt: „Meine Ehefrau Loki war der Meinung: Selbst wenn der Mensch verbrannt wird – die Moleküle bleiben die gleichen. Die Atome bleiben die gleichen. Eines Tages werden aus ihnen Pflanzen oder ein Tier. Darin liegt ein gewisses Vertrauen in die Zukunft.“

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