Älter werden

Schäle mich und weine dabei
Schäle mich und weine dabei

Die harte, ledrige Haut der Zwiebel ärgert mich mal wieder. Ich möchte ein schönes Gericht zubereiten und brauche eine Zwiebel dazu; nicht die ledrige Außenhaut, nicht die paar harte Schichten die danach folgen, sondern die darunter liegenden zarteren Schichten. Es ist nicht ganz einfach an diese heranzukommen – und – wenn man diese bloß legt, dann werden Tränen freigesetzt. Ich weine.

Eine passendere Metapher für meinen Beitrag über das Altern, kann ich mir kaum vorstellen. Es ist schon irgendwie schmerzhaft sich in diese innere Schichten zu begeben. Die verpassten Chancen, die schmerzhaften Erinnerungen, die bittersüßen Gefühle der vergangenen Jugend, die Sehnsucht nach der jugendlichen Unbekümmertheit und Leichtigkeit, die Gesundheit und die Kraft. Als 30 jähriger ist ein Leistungssportler alt. Mit 40 Jahren ist ein Mann im besten Alter. Viele Frauen fühlen sich mit 40 alt. Ich könnte weitere allgemeinen Weisheiten aufzählen aber wozu? Die geschälte Zwiebel treibt mir Tränen in die Augen, da helfen mir solche Weisheiten nicht, um mich aus dieser schmerzlichen Affäre herauszuarbeiten.

Ich wage es. Ich lasse die Tränen zu. Ich nähere mich meinen inneren, darunterliegenden  Schichten. Meine Vergangenheit ist noch existent, ein Teil von mir! Es ist egal, ob diese inneren Schichten vor 40 Jahren genauso ausgesehen haben, wie sie es heute tun. Die Realität ist, dass es sie jetzt so gibt und das sie gerade jetzt mich zum Weinen bringen. Meine Kindheit, Jugend, junges Erwachsensein bis zum heutigen Tag liegt vor mir. Wenn ich es schaffe mit offenen Augen, Schicht für Schicht meine Zwiebel zu betrachten, dann werde ich lernen zu Bewältigen. Ich werde Freude und Leid, Trauer und Glück in meinem Leben verstehen lernen. Niemand kann mir garantieren, dass dadurch ich ein glücklicherer, zufriedener Mensch werde. Wie diese Bilanz ausfallen wird ist ungewiß. Daher sollte jeder für sich entscheiden, ob er seine Zwiebel schälen und mit offenen Augen untersuchen möchte. Ich erhoffe mir inneren Frieden. Ich möchte eine Konsolidierung meiner eigenen Bilanz erreichen. Es geht mir nicht um eine Bewertung meiner guten und bösen Taten in meinem bisherigen Leben. Ich möchte mein Leben mit allen meinen Möglichkeiten und äußeren Bedingungen verstehen lernen. Ich möchte meinen kleinen inneren Frieden finden.

Ich weine während meiner Reise voller Träume, manchmal vor Glück und manchmal vor Schmerz. Bin nicht immer gut mit mir umgegangen, habe die eine oder andere Schicht verletzt. Die Narben werden sichtbar. Ich habe es gut gemeint, wahrscheinlich mehr mit den anderen, als mit mir selbst. Habe mich oft , viel zu oft übernommen und auch überschätzt. Aber so bin ich nun mal gewesen, habe teilweise daraus gelernt. Schicht für Schicht, Tag für Tag, Jahr für Jahr nähere ich mich meinem Kern. Ich bin.  Vielleicht möchte ich nur ganz einfach… alt und glücklich werden.

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