Als ich erblindete

Blind sein ist nicht erklärbar. Nichts sehen ist weder grau, weiss oder schwarz sehen. Es ist einfach nichts sehen.

manchmal glaube ich was zu erkennen
manchmal glaube ich was zu erkennen

1983 habe ich diese Erfahrung gemacht. Es kam über Nacht. Als ich aufwachte, bemerkte ich eine Art „blinder Fleck“ am rechten Auge. Es viel mir schwer mich auf die Prüfungsaufgaben für den Semesterabschluss zu fokussieren. Ich hatte damals eine Menge Stress am Hals. Ich fühlte mich gefangen, in einer Welt die nicht die meine war. Ich wollte Freiheit. Mir fehlte Raum und die Luft um mich herum. Ich fühlte mich wie ein alter Mann, der sein Leben lang dahinwegetiert hat. Die Prüfungen standen bevor. Ich sollte lernen. Es viel mir so schwer.

Zwei Wochen später sah ich auf dem rechten Auge nichts mehr. Das linke Auge fing ebenfalls an zu schwächeln. Ich suchte meinen Hausarzt auf. Was darauf folge war ein Horror. Insgesamt verbrachte ich gut ein Dreiviertel Jahr in diversen Facharztpraxen, Krankenhäuser und Diagnosezentren. Tumor, Nervenschädigungen, Augenschädigungen und allerlei sonstige Krankheitsbilder wurden ausgeschlossen. Ich lernte die Wirkung unterschiedlichster Medikamente kennen. Nichts half. Rechtes Auge 5%, linkes Auge 8% Sehfähigkeit. Ich konnte nicht Autofahren, nicht alleine Spazieren gehen, nicht Kochen, nicht Lesen, nicht Schreiben, nicht Lernen… Mein Leben spielte sich in engstem Raum ab. Mein Gefühl des Gefangenseins wurde zu meiner Realität.

Als die Angst nachließ, kam die Besinnung. Ausgerechnet die Frau, die mich so einengte, half mir. Sie las mir vor. Ich lernte jetzt anders. Was damals mit mir geschah war grausam. Ich werde darüber nicht schreiben und ich rede auch nicht gerne über diese Zeit. Die Erkenntnis, dass ich mit mir nicht gut umgegangen war, ist absolut trivial. Es war die Kombination von Lebensereignisse und der Person, die nicht gerade gesundheitsförderlich war. Wer Schuld daran war, spielt wie immer, gar keine Rolle.

Ein halbes Jahr später konnte ich wieder sehen. Ich verlor Zeit, denn 3 Semester waren futsch. Als ich mein Studium der Elektrotechnik beendete, war meine erste Anstellung in einer Forschungsabteilung mit dem Schwerpunkt Klinische Psychophysiologie innerhalb einer Psychiatrischen Einrichtung. Ich trennte mich von meiner damaligen Frau. Ich trennte mich von vielen anderen Dingen. Zwar konnte ich wieder sehen – die Blindheit innerhalb meiner Seele blieb mir erhalten.

Heute, gut 31 Jahre danach glaube ich ab und zu, an besonders hellen Tagen, wieder sehen zu können. Zwischen meiner Seele und das Licht liegen eine erfolgreiche Karriere mit Titeln und Verdienste. Manchmal zweifle ich und ich frage mich ob ich das wirklich bin. Die Bilder aus meiner Jugend, als ich mich mit einem Penner im Park traf um Schach mit ihm zu spielen, brennen. Er hat mich immer geschlagen – der Professor, der alles verlor. So fühlt sich meine Seele oft an. Ich wollte so viel Gutes tun, freundlich sein, gerecht sein, glücklich sein, helfen und alle Menschen um mich herum lachen sehen. Das wollte ich als Kind schon. So ist das Leben nicht! Nun, damit muss ich mich endgültig abfinden.

Blind sein ist nicht erklärbar. Manche Menschen tragen eine Bürde mit sich. Sie sehen das Dunkle. Eine Zeitlang haben sie vielleicht das Glück der Dunkelheit durch Blindheit entgehen zu dürfen. Ihre Aufgabe ist und bleibt es das strahlende Licht zu suchen und zu vermitteln. Es ist nicht wichtig wer oder was du bist, sondern wie du dich im Leben, mit all den Herausforderungen, verhältst. Wer das Dunkle sieht, erkennt auch die Helligkeit. Eine schöne Aufgabe – wenngleich nicht gerade eine Einfache. Es ist nicht wichtig was andere über dich sagen, sondern wie du mit dir umgehst. Es wird einem weiss Gott nicht einfach gemacht… in unserer Welt.

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