Das Klassentreffen

Vorwort

Wer wünscht es sich nicht. Nach einigen Jahrzehnten ein Klassentreffen mit  den alten Klassenkameraden zu besuchen. Bei uns haben sich 3 ehemalige Schüler der Hermann Hesse Realschule in Schmiden zusammengetan und von den damaligen 38 Klassenkameraden gut 28 ausfindig gemacht. Eine erstaunliche Detektivarbeit, denn vor allem bei Frauen wechselt der Nachnahme häufig. Für mich stand der Entschluss sofort zuzusagen außer Frage. Die 600 km haben mich in keinster Weise abgeschreckt, zumal ich diese Reise mit dem Besuch meines quasi Weggefährten und besten Freundes in der damaligen, doch sehr turbulenten Sturm- und Drangzeit, verbinden konnte. Fantastisch jubelnd teilte ich Traumfrau mit, da fahren wir hin. Sie würde sicher wieder gerne Traumfrau von Freund sehen wollen, denn beide haben sich seit Anfang an sehr gut verstanden. Das alles war vor einem guten dreiviertel  Jahr gewesen.

21 sind nach 35 Jahren zum Klassentreffen gekommen
21 sind nach 35 Jahren zum Klassentreffen gekommen

Die Anfahrt

Aufgeregt, wie zwei pubertierende Jugendliche, machten wir uns auf dem Weg zu unserem Klassentreffen. Bereits am Abend zuvor hatten wir uns und unsere Traumfrauen mit Anekdoten aus jener Zeit in Stimmung gebracht. Ich wußte gar nicht, wie gemein wir früher waren. So langsam verstand ich die Sorge unserer Mütter, den das Duo Infernale war in der Tat sehr berüchtigt. Meine Mutter behauptete, mein Freund sei brutal, habe bösartige Ideen und ich würde mich von ihm hineinziehen lassen. Die Mutter meines Freundes sah es vermutlich ähnlich, nur mit vertauschten Rollen. Traumfrau gestand mir nach sorgfältiger Analyse der Erläuterungen unseres Wirkens, dass es die Kombination gewesen sei, keiner sei harmloser als der andere. Unserer Scherze und Aktionen waren in der Tat alles andere als langweilig. Manchmal ist eben die passende Mixtur absolut fruchtbar. So muss es bei uns gewesen sein, denn die Kreativität von bösartigen Scherzen mit samt minuziöser Ausführungs- und Umsetztungsperfektion war phänomenal. Allein deswegen, hätten wir beide mindestens eine ganze Note besser in jedem Fach verdient. Ich werde aus reinem Selbstschutz, auch wenn ich gerne mit unseren Meisterwerken angeben würde,  keine Kostproben unserer Meisterwerke veröffentlichen. Mit diesen Voraussetzungen war mir schon etwas flau im Magen, denn wir würden bei unserem Treffen gewiss einige ehemalige Opfer antreffen.

nicht gerade harmlos - das Duo Infernale - Mann waren das noch Zeiten :)
nicht gerade harmlos – das Duo Infernale – Mann waren das noch Zeiten 🙂

Das Treffen

Wir waren fast die ersten. So nach und nach kamen sie aber, insgesamt weitere 19 Klassenkameraden. Nicht alle wurden von mir erkannt… eher die wenigsten. Das hängt wohl auch mit meinem komplexen Ausbildungswerdegang zusammen. Nein, nicht deswegen weil ich häufig durchgefallen bin, wie ein Teilnehmer, der offensichtlich damals mein Opfer gewesen sein muss, mir unterstellte, sondern eher daran, dass ich viele weiterführende Schulen und Unis besucht habe. Daher habe ich in der Tat, sehr viele Klassen und Kameraden erlebt. Die enorme Anzahl ehemaliger Kollegen und die natürliche Altersdemenz unterstützt diesen Prozess merklich, sodass ich mir deswegen kaum Gedanken machte. Die Schlüsselpersonen habe ich sofort erkannt. Es war wie damals, die Zeit dazwischen nicht existent. Wer schaut schon auf ein paar Fältchen, Wehwehchens und grauen Haare. Es wurden wunderbarer Begegnungen.


Nachdenklich

Meine Sorge, mit den vielen bösartigen Aktionen in Verbindung gebracht zu werden, war relativ unbegründet. Ich war für die meisten der Teilnehmer damals ein Exot, habe ich mir anhören dürfen. Mit langen, blonden, wallenden Haaren aus Chile kommend, Gitarre spielend und älter war ich den meisten nicht ganz geheuer. Ich habe mich damals nicht so wahrgenommen. Hatte jede Menge Flausen im Kopf, war immer in das nichtzuhabende Mädchen verknallt, hatte wirklich keinen Bock auf Schule und noch weniger auf die Lehrer. Wozu man so viel Mist von so inkompetenten Pädagogen über sich ergehen lassen sollte, war mir unbegreiflich. Klar, ein paar wenige Ausnahmen gab es schon. Die Berufenen, wirklich kompetenten Lehrer sind halt nach wie vor nicht sehr stark in den Schulen vertreten. Das reichte aber bei Weitem nicht aus, um die Sinnlosigkeit dieser Massenschülerquälerei zu rechtfertigen. Meine Wut galt auch den angepassten Kameraden, die scheinheilig interessiert dem sinnlosen Geplappere der pädagogisch geschulten Selbstdarsteller anerkennend folgten. Nein, dass wollte ich nicht, nicht ich! Da gab es weitaus interessantere Wirkungsstätten, die meine Neugierde weckten. Das Leben und die Beziehungen funktionierten anders da draußen und dass wollte ich verstehen.

hätte mir doch die Haare meine Tochter ausleihen sollen wie bei diesem Foto
hätte mir doch die Haare meine Tochter ausleihen sollen wie bei diesem Foto

Was sich seit damals geändert hat

An meiner Einstellung nicht viel. Nach wie vor halte ich die Schule größtenteils als sinnlose Massenschülerquälerei. Ebenfalls halte ich nach wie vor die Lehrer für ungeeignet, nicht die Schüler, wie sooft kolportiert wird. Ich respektiere meine Mitschüler von damals und habe mich riesig gefreut sich wieder gesehen zu haben. Gewiss, nicht immer verläuft das Leben gerecht und daher tut es mir Leid, dass es nicht allen blendend ergangen ist. Wir haben alle unsere Problemchen gehabt und manche sogar Pech. Wir alle haben uns verändert. Was meine Person anbelangt hat sich auch einiges getan. Nach vielen Irrwegen bin jetzt in das richtige Mädchen verknallt – ist doch was oder? Das hat mir aber die Schule nicht beigebracht. Mag sein, dass viele nicht der Ansicht sind, diese Aufgabe sei eine Schulangelegenheit. Im übertragendem Sinne denke ich aber durchaus so. Seit jeher habe ich mir eine Schule als Lebensschule gewünscht. Ich hätte es gerne gehabt, dass Lehrer mir beibringen wie ich selbstständig lernen kann und weniger sich und den Schülern beweisen müssen wie überlegen und toll sie sind. Vielleicht wäre es weniger auffallend gewesen, wie wenig Einfühlungsvermögen, wie Selbstunsicher und teilweisen sozial Inkompetent sie waren. Sie hätten mit uns wachsen können. Heute verstehe ich sie besser und bemitleide sie teilweise. Damals hatten sie es mit mir nicht einfach – aber ich mit ihnen auch nicht.


Was ich mitgenommen habe

Ein Stück Vergangenheitsbewältigung und viele neue Erkenntnisse. Es war schön und wichtig für mich. Es war auch schön über so manchen alten Kameraden zu staunen. Heute ist ein neuer Tag und wir alle werden unser Leben weiter gestalten. Vielleicht werden wir uns in ein paar Jahren wieder sehen.

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