Der Freitod

Woher kommt dieser Begriff? Das war Friedrich Nietzsche Anfangs des 20ten Jahrhundert aus seinem Werke „Also sprach Zarathustra“. Aber darum soll es hier nicht gehen. Weit vor Beginn meiner beruflichen Laufbahn, hatte ich bereits mit ihm, den Freitod, Berührungspunkte. Einer meiner liebsten Klassenkameraden brachte sich um. Einfach so, ohne jegliche Vorwarnung. Ein Freund meines Bruders, allseits beliebt und guter Schüler tat das auch. In Deutschland sind es gut 600 Jugendliche pro Jahr, die sich das leben nehmen. Auch möchte ich in diesem Beitrag nicht über Ursachen, Erkennungsmerkmale und ähnliches schreiben. Dazu gibt es viel Literatur. Mein erster Chef, bei meinem ersten Job ist mittlerweile eine internationale Koryphäe auf diesem Gebiet. Damals war er Stationsleiter in einer Depressionsstation. Seit dem sind nun gut 30 Jahre vergangen und rückblickend habe ich doch viel zu oft mich mit dem Thema beschäftigen müssen. Seine damaligen Worte klingen noch so als sei es Gestern gewesen in meinen Ohren: „Wenn einer sich umbringen will, dann tut er es“. Klar, er hat noch sehr viel mehr gesagt was diese Aussage relativiert. Was für mich  im Laufe der Jahrzehnte immer deutlicher geworden ist, ist das jeder Mensch die Verantwortung über sein Leben eigenständig trägt. Ich habe in den seltensten Fällen den Selbsttod verstanden und doch gelernt die Entscheidung der Betroffenen zu respektieren. Klar kommen immer wieder Zweifel auf wie: Wie hätte man es verhindern können oder warum haben wir es nicht früher bemerkt usw.. Der Freitod, vor allem bei Jugendlichen, erscheint für uns so wahnsinnig Sinnlos. Einmal geschehen, suchen wir nach Erklärungen. Unsere Vorstellung und Phantasie impliziert schreckliche Leidenswege dieser gequälten jungen Seelen. Meine Erfahrung zeigt, dass es in den seltensten Fällen so gewesen ist. Auch darüber gibt es viel Literatur und Forschung. Jeder der ein Kind, ein Freund oder Freundin auf diesem Wege verloren hat, weiss wovon ich rede. Die Machtlosigkeit mit der wir vor dieser brutalen Tat konfrontiert wurden übersteigt unsere Bewältigungsmöglichkeiten bei Weitem. Wir haben nicht die Macht gehabt es zu verhindern. Es wurde uns was weggenommen. So sind wir immerzu bei uns, mit unserer Wut und mit unserem Schmerz. Man könnte es auch als unsere tiefe Betroffenheit werten. Ich frage mich immer wieder, ob nicht jeder Mensch ein Recht auf einen freien Tod hat. Ein sehr heikles Thema, denn laut unsrer Rechtsprechung ist es nicht so. Befürworter zitieren gerne Nietzsche, indem sie seine Aussage, dass sich ein Mensch im Vollbewusstsein seines Geistes und selbstbestimmt „zur rechten Zeit“ töten darf, als Rechtfertigung heranziehen. Genau da liegt das Problem. Wann ist das der Fall? Wir sind schon sehr differenzierte komplexe Wesen.

Es geht mir gut hier
Es geht mir gut hier – ich mach Euch keine Sorgen mehr

Wenn ich wieder von Jugendlichen höre die sich suizidiert haben, dann frage ich mich warum! Ich denke an ihre Freunde und Familien. Ich wünsche ihnen Trost, Kraft und Zusammenhalt. Am liebsten würde ich ihnen sagen wollen: „ihr könnt nichts dafür, denn ihr habt euer Bestes gegeben“ Der Verlust ist unersetzlich. Vielleicht ist es ein kleiner Trost daran zu glauben, dass es den Verstorbenen gut geht und sie im eigenem Herzen weiter leben zu lassen.

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