Der Intimsphären Virus

Was würde passieren, wenn alle Menschen auf der Welt einen Virus bekommen würden, der sie auf allen Ebenen zwingt die ungeschminkte Wahrheit zu sagen, der keine Ausreden, keine kleine Schummeleien und auch kein Schweigen zuließe?
Klar ist das eine völlig idiotische Annahme und für viele eine undenkbare Zumutung. Ich glaube es ist eine sehr große Provokation so was in die Welt zu setzten. Ich mache das hiermit und überlege was passieren könnte.

Intimsphäre
Wäre dahin. Hätten wir nicht mehr, wir könnten absolut nichts mehr intimes besitzen. Männer, die beim öffentlichen Stillen von Babys ihr Mutterkomplex sexuell ausleben (derzeitige schwachsinnige Diskussion in den Medien). Die Nachbarin, die auf den Mann vom 3ten Stock so scharf ist und beim Sex mit dem Eigenen nur noch wilde Phantasien braucht. Der Vater, der den Kindern vorgaukelt ein Supertyp zu sein und in der Arbeit der Fußabtreter seines Chefs ist. Der Sportprofi, der an Drogen- und Medikamenten süchtig ist. Der Pilot, der alkoholkrank ist. Der Chefarzt, der  eine kaputte Ehe führt und eine magersüchtige Tochter versteckt. Der Mann, der kleine Mädchen attraktiv findet. Die Frau, die von zarten Jungs in ihrem Bett träumt…
Unsere Intimsphäre ist sehr geschützt. Das gilt auf allen Ebenen unseres Daseins. Manchmal gehe ich durch unsere Straßen und schaue mir meine Mitmenschen genauer an. Was hast du zu verbergen, was versteckst du hinter deiner Fassade? Vielleicht stelle ich diese Frage, weil ich sie mir selbst stelle. Vielleicht wollen wir uns alle diese Frage nicht stellen. Intimsphäre ist uns heilig und wie wir erfahren durften, ist Heiligkeit alles andere als Promiskuitäts- und Schuldfrei. Wir fühlen uns schuldig so zu sein wie wir sind, das macht uns Angst und schwächt uns vor Anderen. Kitzelt einer daran, ist das unerhört – ja ungehörig. Konfrontiert uns jemand damit direkt und deckt unsere Intimität auf, macht er sich strafbar. Ich möchte mit meinem Beitrag nicht dafür Plädieren, die Intimität von uns Menschen abzuschaffen. Ich stelle nur die Frage – könnte es sein, dass wir Angst und Scham vor unserer eigenen Intimität haben?

Beziehungen
Oh weh! Klar gibt es Schnittstellen zwischen den unterschiedlichen Lebensebenen. Ich glaube die meisten Unternehmen würden binnen kürzester Zeit bankrott gehen. Die Aktienmärkte würden sofort kollabieren, das gesamte Rechtssystem mit Richtern, Staatsanwälte, Strafverteidiger, Gesellschaftsrecht, Wirtschaftsrecht… alles futsch! Politik mit Parteien, Gremien, Verbände, etc., etc. hätten keine Chance zu überleben. Mich wundert es sehr, dass diese elementaren Organisationen, die immerhin unsere Gesellschaft regeln, so abhängig von der Beziehungsebene sind und diese Tatsache in unserer Welt so wenig wahrgenommen wird. Ich muss so gnadenlos und provokant fragen: WAS PASSIERT, WENN WIR NICHT MEHR LÜGEN KÖNNEN?
Nehmen wir die einfachste zwischenmenschliche  Beziehung, die zwischen zwei Menschen.

Ich behaupte:
Die glücklichste Beziehung ist die, bei der es keine Lügen, keine Täuschungen, keine Geheimnisse, keine unausgesprochene Wünsche gibt.

Jetzt wird es wirklich heikel oder? Da gibt es demnach keine Intimität mehr, weil die nicht mehr gebraucht wird. Bedeutet es, dass Beziehungsglück ein Aufgeben der Intimität voraussetzt? Meine ganz klare Antwort lautet in der intimen Beziehung JA! Bei Diskussionen hat man mir als Gegenargument zu meiner Forderung folgendes vorgeworfen: „Wenn du deine Intimität aufgibst, dann gibts du deine Individualität auf; dann ist das eine Abhängigkeit“. Das ist eine interessante Sichtweise. Wir müssen eine Intimsphäre besitzen, um uns als Individuen definieren zu können. Zugegeben das hat was. Darüber habe ich sehr lange nachgedacht und bin wieder zu meiner Anfangsüberzeugung gelangt. Das ist nicht wahr und das ist nicht der Grund warum wir eine Intimsphäre aufgebaut haben.

Wozu dient die Intimsphäre?
Eindeutig Schutz! In erster Linie schützt sie uns vor uns selbst. Wir bezeichnen Menschen die keine Intimsphäre haben als Grenzüberschreitend und ordnen sie zu den psychisch Kranken ein. Es geht einfach nicht, dass ein Mann öffentlich erzählt, er habe heute schon zwei Pornos im Internet angeschaut, er fände sein Chef sei ein verklemmtes Arschloch und verdiene es nicht diesen Job zu haben, seine Blähungen quälen ihn ohne Ende und er habe Angst vor der Darmspiegelung die anstehe. Das ist krank, nicht das was mit ihm los ist, denn das ist eher normal. Das will aber niemand hören, das ist Grenzüberschreitend. Ich maße mir nicht an, über dieses Gesellschfas-Verhalten zu urteilen. Ich gebe nur eines zu bedenken. Was passiert, wenn jemand in der Öffentlichkeit fertig gemacht wird? Genau – man deckt seine Intimität auf und stellt ihn als perverses Monster dar. Man beraubt ihn seines Intim-Schutzes und nun will es doch jeder wissen und damit beruhigt sich das eigene Gewissen. Ich komme auf den Chefarzt zurück, der mit der kaputten Ehe und der essgestörten Tochter; der liebe Pilot, der Alkoholkrank ist; der liebenswerte Mann, der kleine Mädchen so süß findet; der Sportprofi, der ja so gefeiert wurde. Alles Monster, oder? Meine Frage lautet: wie viele Milliarden Monster eiern da draußen herum?

Brauchen wir sie wirklich, die Intimsphäre?
Ich glaube ja, dringend. Aber nicht des Schutzes wegen, sondern eher aus sozialen Gründen. Wir können nicht jeden mit unsren intimsten Angelegenheiten Bombardieren, wir können nicht fremde Menschen ungefiltert mit Trieben, Kummer, Ängste, Sorgen, Wünsche, Träume belästigen. Wir dürfen Mitmenschen nicht mit unseren intimsten Angelegenheiten überfordern. Auch darüber habe ich sehr lange nachgedacht und bin für mich zu einem Ergebnis gekommen. Ich muss für mich meine Intimität klären, wenn ich das tue, habe ich nichts mehr zu verbergen. Daran scheitern wir meistens, wir stehen nicht wirklich zu unserer eigenen Intimität und daher benötigen wir diesen Schutzmechanismus. Ich muss deswegen nicht der ganzen Welt meine Intimität mitteilen, aber ich habe nichts zu befürchten, wenn es gegebenenfalls notwendig wird. Ich stehe dazu und ich weiss wie ich bin. Sollten Anteile oder Verhaltensweisen nicht mit meiner eigenen Vorstellung und Überzeugung übereinstimmen, dann habe ich die Verpflichtung an mir zu arbeiten, mich weiter zu entwickeln und daran zu reifen. Das übelste was uns passieren kann ist, dass wir voller Schuldgefühle und schlechtem Gewissen unser Leben gestalten. Ich glaube hier ein Hauptübel anzusprechen, dass sich wie ein Teufelskreis in unseren Seelen eingenistet hat.

Wie tun?
Der Wahrheitsvirus ist nicht schlecht. Allerdings mit einer modifizierten Eigenschaft. Er müsste nur in Bezug auf unsere eigene Person wirken. Konkret: zwingt uns die eigene ungeschminkte Wahrheit einzugestehen, duldet keine Ausreden, keine kleine Schummeleien und auch kein Schweigen. Wenn wir das befolgen, können wir nicht mehr lügen. Wir werden aufgefordert zu handeln. Wir werden aufgefordert Fehler und Fehlverhalten zu hinterfragen. Wir werden aufgefordert uns anders zu benehmen. Wir werden aufgefordert uns und anderen zu verzeihen oder zu bestrafen. Wir handeln im rechten Sinne.
Klar kann das gewaltige Konsequenzen mit sich bringen. Meine Überzeugung und Erfahrung hat mich eines gelehrt. Erstens, es gibt immer Konsequenzen, es ist nur eine Frage der Zeit wann und wie stark sie dich heimsuchen und zweitens, wenn du absolut sauber und rechtens handelst, hast du am wenigsten zu befürchten. Eine Lebensversicherung gibt es leider nicht.

Mein kleiner Tipp
Ist gewaltig groß. Ich glaube wir Menschen sind nun mal Beziehungsviecher. Ein Virus der auch noch mutiert und die Wirkung auf einen lieben engen PartnerIn erweitert ist der Hammer. Menschen zu kennen, vor denen man nichts verbergen muss, ist für mich das schönste Lebensgeschenk. Mir gibt es Halt, Zuversicht und Vertrauen. Wenn ich alles über mich preisgeben darf, verliere ich meine Identität nicht. Im Gegenteil, es fällt mir wesentlich leichter den rechten Umgang mit meinen Mitmenschen zu finden und besser mein Leben zu gestalten, nach dem Motto: Integrität in der Intimität. Vielleicht habe ich früher zuviel geschummelt und teuer dafür bezahlen müssen. Jetzt brauche ich es nicht mehr.

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