Der Profi

Schweißgebadet und völlig erschöpft wachte ich mitten in der Nacht auf. Wieder so ein Alptraum. Ich wurde in Handschellen abgeführt – ganz klar – ein Schwerverbrecher. Meine arme Frau stand in Tränen aufgelöst da, unfähig irgendetwas unternehmen zu können. Aber was war geschehen?

Ich habe mich als Profifotograf ausgegeben. Das ganze war eher ein Zufall, denn als ich in den USA gefragt wurde ob ich ein Profifotograf sei, habe ich mit ja geantwortet. Ich habe ja auch ein Presseausweis um überall als Fotograf akkreditiert zu sein. Viele meiner Bilder sind in Magazinen, Sportzeitschriften, Onlineplattformen, diversen Printmedien und sogar in Büchern zu finden. Auch in Firmen, bei denen ich arbeite oder gearbeitet habe sind Bilder von mir in Gebrauch. In der Sportszene habe ich mir einen Namen erarbeitet und ja, man kennt mich als guter, internationaler Sportfotograf. Also wenn ich kein Profifotograf bin, wer den sonst? Und so kam es, dass ich ins Visier der Justiz gelangt bin. Der horstl muss ja bescheißen, dicke Kohle kassieren, ohne Gewerbeschein schwarz Fotografieren und dann noch so blöd sein und derart angeben. Klar auch, dass die Untersuchungen noch viele weitere Verbrechen meinerseits aufgedeckt haben. Ich glaube die Vorwürfe füllten gut 120 A4-Ordner. Unregelmäßigkeiten der übelsten Form auf allen Ebenen der Straftaten-Möglichkeiten während meines Lebens. Hätte ich bloß nicht so angegeben und meine Klappe gehalten. Ehrlich, auf diese Träume verzichte ich gerne. Aber was bin ich den eigentlich wirklich? Bin ich nun ein Profi oder nicht? Nach dem bösen Erwachen habe ich mich sofort auf der Suche nach der korrekten Antwort begeben. Hier mein Ergebnis:

Ich bin ein Künstler, der es liebt geile Bilder zu machen. Ich verkaufe keine Bilder, ich verschenke sie! Ich verschenke sehr viel, nicht nur Bilder. Ich leiste sehr gute Arbeit. Alles was ich tue ist ehrenamtlich, weil ich ein Trottel bin. Einmal habe ich Geld für einen Vortrag bekommen. Es war so umständlich dieses Geld zu bekommen, dass ich es nie wieder tun werde. Der Vortrag hat mir Spaß gemacht. Ich verschenke mein Wissen und meine Erfahrungen an andere Menschen. Ich arbeite in einer Firma als Angestellter um mein Lebensunterhalt zu verdienen und um es mir leisten zu können Bilder, Kunst, Wissen, Vorträge, Erfahrungen, Bewegung und Mut zu verschenken. Im Leben habe ich viele Fehler gemacht und dafür auch bezahlt. Mein Traum hat mich wieder wach gerüttelt. Es ist als Mensch immer gefährlich etwas zu bewirken. Viel leichter ist es im Hintergrund zu bleiben, unbeachtet, unerkannt und unauffällig. Meine Angst schwer bestraft zu werden, ist absolut real. Ich habe sehr viel mehr als mein Leben und meine Freiheit zu verlieren. Ich laufe Gefahr mein Glauben und meine Liebe aufs Spiel zu setzten. Daher entscheide ich mich hier und jetzt auf alles zu verzichten. Ich bin ein nichts. Alle Titel, Kurse, Abschlüsse, Ehrungen, Bezeichnungen, Arbeitserfolge usw. lege ich mit sofortiger Wirkung nieder. Ich habe nämlich beschissen. Ich habe jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde meines Daseins Plagiat begangen. Mein ganzes Leben ist ein einziger Betrug. Ich habe meine Eltern kopiert, ihre Sprache und ihre Verhaltensweisen gestohlen. Das Gleiche tat ich bei anderen. In meinen Studiengängen und Schulen, den abgeschlossenen und den nicht abgeschlossenen, habe ich nach Strich und Faden gestohlenes Wissen für meine Zwecke verwendet. Damit habe ich mich bereichert, mir Ehrungen ergattert, die mir nicht zustehen. Das ist mein größtes Vergehen und dafür leide ich sehr! Mein Schuldgeständnis ist umfangreich – mein Leben ist ein einziger Betrug, da nichts an mir echt ist. Das einzige was mir bleibt ist mein Name und meine Angst für all meine Sünden bestraft zu werden. Mein Traum ist kein Traum, sondern die Realität. Vielleicht ist mein Name und meine Angst auch nur Betrug. Künstler hin oder her. Die Liebe meines Lebens habe ich mir womöglich auch nur hinterhältig erschlichen und all meine guten Vorsätze Wissen, Erfahrungen, Bilder, Kunst, ehrenamtliche Tätigkeit usw. zu verschenken ist nichts anderes als ein Versuch meiner gerechten Strafe zu entkommen. Der Traum wirkt nach. Meine Integrität und meine Persönlichkeit zerfallen unter einer öffentlichen Hinrichtung zu einem Hohn. All das was ich bin ist Lug und Trug. Ganz gleich was ich versuche, es gibt keine Verteidigung für diese Erkenntnis.

Ich kann mein Leben nicht ungeschehen machen. Gewiss würde ich vieles gerne anders gestalten. Meine Sehnsucht einfach „horstl“ sein zu dürfen wächst von Tag zu Tag. Ich bin mir sehr sicher, dass es mir nicht als einziger Mensch so ergeht. Ein Neuanfang? Nein, davon halte ich nichts. Ich bin nur ein weiterer betrogener Betrüger wie alle anderen Menschen auch. Daher werde ich weiter mein bestes geben und schenken was immer mir möglich ist. Es wird Zeit die Realität ins Auge zu fassen. Ich bin ein Profi und ich bin ein guter Mensch. Ich sollte nur eines niemals vergessen. Ganz egal was ich tat – es war in meinem ganzen Leben niemals meine Absicht jemanden zu schädigen, sondern immer zu helfen. Das ist das was horstl am besten kann – schenken und helfen.

… schweißgebadet und völlig erschöpft wachte ich mitten in der Nacht auf. Wieder so ein Alptraum. Ich wurde in Handschellen abgeführt – ganz klar – ein Schwerverbrecher… wir werden unschuldig geboren um schuldig zu sterben. Wann werden wir aufwachen? Wann werden wir verzeihen, uns und den anderen? Wann werden wir endlich verstehen?

horstl hat große Angst aber auch Mut. Es ist der richtige Weg sich als Mensch von allen Statussymbolen zu trennen. Alles was wir sind -… ist das was von uns ohne dem übrig bleibt. Wir sind nicht frei. Das sage ich nicht um meine Schuld los zu werden. Es ist noch ein langer Weg für uns Menschen auf Handschellen zu verzichten. Denkt darüber nach und versucht euch selbst zu verzeihen. Die Handschellen die ihr anderen anlegt, sind keine Lösung für eure Schuld.

auch dieses Profi-Bild habe ich verschenkt
auch dieses Profi-Bild habe ich verschenkt

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