Der Trauma-Index

Im Sport gibt es den berühmten Ermüdungsbruch, der auch als Stressfraktur oder Marschfraktur bezeichnet wird. Nun, das leuchtet jedem ein, dass beim Ermüdungsbruch es sich um Verletzungen handelt, die durch eine zu starke Belastung das Gewebe überfordert und hierdurch zerbricht. Dabei entsteht ein Trauma, denn Trauma heißt nichts anderes als Verletzung. Das merkt man nicht nur nach einiger Zeit nach dem Bruch durch deutliche Schmerzen, sondern es wird auch bald sichtbar, meistens durch eine Schwellung. Wenn jemand ein Ermüdungsbruch hat, kann er es nicht lange verbergen.

Etwas anderes ist es bei psychischen Traumata. Diese Verletzungen an der Seele sieht man nicht unmittelbar. Das Hirn schwillt dabei nicht an, was ziemlich sicher zum Tode führen würde. Nein, Spaß bei Seite. Seelische Verletzungen sind genauso wie körperliche Traumata ein Bestandteil unseres Lebens. Sie bereiten uns auch Schmerzen, die sich sowohl seelisch als auch körperlich manifestieren können. Manche Menschen können sehr gut damit umgehen, andere weniger oder sogar gar nicht. Das Problem liegt nicht daran, dass wir seelisch verletzt werden, sondern eher in der Art und Weise wie wir mit solchen Verletzungen umgehen. Was uns auf Körperebene selbstverständlich erscheint, nämlich Entlastung, Ruhe, Pflege, Aufmerksamkeit und Akzeptanz für den Heilprozess aufzubringen, wird auf der seelischen Ebene kaum gelebt. Im Gegenteil, es gilt sogar als verpönt und schwach, wenn man sich diesen Verletzungen widmet. So ist es mehr als logisch, dass mit der Zeit eine Anhäufung der unbeachteten seelischen Traumas zustande kommt. Ich habe für mich so ein Begriff eingeführt um diese traurige Tatsache zu verdeutlichen: den Trauma-Index. Stufe eins ist leicht und Stufe zehn ist sehr stark. OK, jetzt könnte ich hunderte von Seiten dazu schreiben und viele Erklärungen auf den unterschiedlichsten Entwicklungsstufen, den äußeren Bedingungen, dem familiären Umfeld, der Prädisposition, der Persönlichkeitskomponente und sonst was vom betroffenen Menschen bringen. Sicher eine interessante Sache, aber das bringt mir persönlich herzlich wenig. Ich ziehe es vor meinen Begegnungen einen Trauma-Index zu verpassen. Das tue ich einfach so, ohne jegliche wissenschaftliche Begründung. Das darf ich, warum auch nicht. Wenn ich eine körperliche Verletzung an einem Menschen erkenne, tue ich es doch auch. Ich darf sogar interessiert fragen, was den um Gottes Willen passiert ist, warum trägst du ein Gips? Bei der Psyche ist es nicht so… komisch, habe es nie verstanden warum. Manchmal trete ich ins Fettnäpfchen, wenn ich frage: „wer um Gottes Willen hat dich so verletzt, dass du derart frustriert und negativ bist? Ist doch nett und fürsorglich oder?

Es ist super spannend wie sich die eigene Wahrnehmung samt Umgang zu den Menschen nach dieser Index-Zuordnung ändert. Aber dazu komme ich später noch zu sprechen. Zunächst möchte ich erläutern, wie ich diese Einschätzung vornehme. Ich sehe jemanden, beobachte eine Weile und ich weiß es einfach. Vor meinem geistigen Auge erscheint eine Indexzahl für seelische Traumata. Klar könnte ich wieder ein paar hundert Seiten darüber schreiben wie ich zu dieser Einschätzung gekommen bin – auch das bringt mir nichts. Nennen wir es mal Erfahrung, Menschenkenntnis, hartes Training und Neugierde. Jeder kann das und jeder tut es mehr oder weniger. Der kleine Unterschied zu mir ist, dass die wenigsten ihre Fähigkeiten auf dieser Ebene trainieren. Ich mache das, seit dem ich bewusst und unbewusst denken und fühlen kann. Was bringt mir das? Jetzt komme ich auf den Punkt der Wahrnehmung und den Umgang zurück. Ist ein Mensch seelisch sehr verletzt, versucht er es nicht selten zu verbergen indem er seine Verletzungen überspielt. Dazu gibt es viele Möglichkeiten. Zur Verdeutlichung werde hier zwei Beispiele erläutern

Beispiel 1: Die Super-Gockel. Viele Männer prahlen gerne, geben sich enorm stark und überlegen, manchmal sind sie sogar laut und aggressiv. Es sind die typischen Alpha-Männchen. Wenn ich solchen Männern gegenübertrete, gehe ich sehr lieb und behutsam mit ihnen um. Wenn ich ihnen direkt ins Gesicht sagen würde, dass sie in meiner Einschätzung ein Trauma-Index von 9 haben, wäre es genauso, wie wenn ich einem Sportler mit frisch operierten Knie einen Tritt verpassen würde. Der würde mich glatt umbringen, wenn er noch im Stande dazu wäre. Das ist beim Alpha-Männchen identisch. Da ist es schon besser, wenn man diesen Männern ihr Ego streichelt. Die sind zwar mitunter sehr nervig, aber wenn man sich bewusst wird, wie sehr ihre Seele verletzt wurde, dann bringt man es doch ganz gut auf die Reihe. Ich kenne diese Situation mittlerweile in- und auswendig. Solche Gockels werden vom horstl gelobt und gestreichelt. Es hilft wirklich zu wissen, welche seelischen Krüppel sich hinter der Fassade verstecken.

Beispiel 2: Die Depri-Würste. Viele Frauen heischen gerne nach Aufmerksamkeit, indem sie ständig über ihr Leben klagen. Sie sind notorisch überfordert, haben es grundsätzlich so irre schwer im Leben gehabt. Sie erzählen gerne über ihre Probleme und eine unendlich komplizierte, schwererträgliche graue Wolke umgibt ihr Wesen. Als Zuhörer fühlt man sich wie ein Mülleimer. Gleichzeitig haben sie den Anspruch besser als andere sein zu müssen und geben sich dementsprechend kompetent und anspruchsvoll. Diese Ambivalenz, „ich bin super aber mir geht es beschissen“, ist ganz typisch für sie. Manchmal sind sie sehr wechselhaft in ihren Stimmungen – von hochjauchzend bist tiefst niedergeschlagen. Indexstufe 8 und nichts wie weg – dass ist meine Art diesen lieben Menschen zu begegnen. Reiner Selbstschutz, sag ich! Ihre Strategie ist nämlich Opfer zu finden, die für sie mitleiden. So entgehen sie der Eigenverantwortung für sich selbst was zu tun. Sie lieben es, dich in eine negative Abhängigkeit zu bringen. Du leidest wie ein Hund, es geht dir schlecht, machst dir Sorgen, hast ständig ein schlechtes Gewissen zu wenig für sie da zu sein und nicht helfen zu können. Ein echter Teufelskreis ist das. Also – Finger Weg und gleich das Weite suchen!

So, das waren zwei Beispiele, wie so mein Trauma-Index funktioniert. Mit etwas Humor kommt man ab und dann besser durch das Leben. Gerade erst gestern habe ich mit meinem lieben Freund telefoniert. In manchen Situationen pflegte er zu sagen… „jaja, das Leben ist ein Jammertal“. Er ist Psychotherapeut und Arzt, deswegen darf er das zu anderen Menschen und zu sich selbst sagen. Ich liebe ihn. Einmal saßen wir mit zwei Psychologinnen bei herrlichem Wetter an einer sonnigen Bank nach dem Skifahren. Die Damen unterhielten so sich über ihr Leben und ihre Problemchen. Daneben saß ein unbeteiligter junger Mann. Nach gut 20 Minuten stand er auf und sagte: „ sämtliche Vorurteile die ich über Psychologinnen hatte, wurden von euch bei Weitem getoppt.“ Danach ging er ein Bier trinken. Der Mann hat sehr ins Schwarze getroffen. Die Mädels haben danach ihre Klappe gehalten und wir konnten endlich in Ruhe den Tag genießen. Ob sie daraus was gelernt haben weiß ich nicht. Ich habe vorsichtshalber lieber mal die Kurve gekratzt.

 

 

 

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