Die göttliche Ebene

Wenn du morgens aufwachst, verschlafen zum Fenster hinausblickst und du trotz der Alltagsbelastungen ein warmes Gefühl der freudigen Zuversicht verspürst, dann bist du nahe daran.

Was du siehst ist ein Abbild deines Gemütszustandes
Was du siehst ist ein Abbild deines Gemütszustandes

Es ist die Integrität, das Wissen, dass dein Leben richtig verläuft. Du kannst vor Millionen was verstecken – weil du was zu verstecken hast oder weil du einfach keine Lust hast dich mitzuteilen. Niemand kann dich verurteilen für das was du bist, jedoch für das was du tust. Gelöst von den Zwängen etwas sein zu müssen was du nicht bist, etwas tu zu müssen was du nicht willst, etwas zu beweisen was es nicht gibt, gehst du dein Tag an. Du bist dir treu geblieben, vielleicht hi und da kurzfristig die Orientierung verloren. Der Glaube, was er auch immer für dich bedeutet, hat dich immer begleitet. Du hast Liebe gesät, nicht deiner selbst willen und hast Treue und Liebe geerntet und zwar nur für dich. Du hast getan – nicht „um zu“, sondern aus tiefster inneren Überzeugung. Du hast dich nicht selbst betrogen, du hast andere nicht betrogen. Wenn du morgens aufwachst, schlaftrunken zum Fenster hinausblickst und du trotz der schrecklichen Nachrichten ein warmes Gefühl der freudigen Zuversicht verspürst, dann bist du mit dir im reinen. Du bist nicht ein Gott, du bist nicht gut oder böse, nicht besser oder schlechter, wertvoller, schöner, hässlicher, dümmer, intelligenter… du bist nur ein glücklicher Mensch.

also sprach zarathustra

ich nagle eure ideale
mit goldenen nägeln an die wand
und stelle darunter eine schale:
die sammelt die tränen als unterpfand

ich breche die mauern derer
die glauben
sie könnten sich selber belügen
besser ist: schutzlos im rauhen wind
des seins den betrug zu besiegen

ein blick in die sterne zeigt nur
illusionen
das licht, das ihr seht, reiste lang
die sterne sind weiter, längst weiter gezogen
so weit
doch ihr denkt nicht daran

ihr seht nur das eine
nur eine facette
des auges unendlichkeit
ursache und wirkung
sind kette. sind kette?
seid ihr: zu zweifeln bereit?

ich nagle eure ideale
mit flammenden nägeln an die wand
mene tekel upharsin!
wo sind eure tränen als unterpfand?

(ihr ruft: ‚mach es besser!‘
wie könnte ich?
der, der sich aus eurem wesen erklärt
– der, der sich von eurem blute ernährt
– der, der sich seine seele erschlich
– der, der längst klagte:
Ihr seid ich!

ihr fordert: ‚dann schweige!‘
wie könnte ich
denn der dieses fordert
der fordert zerbrich!‘)“

Wolfgang J. Reus (1959 – 2006), deutscher Journalist, Satiriker, Aphoristiker und Lyriker

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