Die Leseratte und die Sprachen

ein Grund nochmals leben zu dürfen - BÜCHER
ein Grund nochmals leben zu dürfen – BÜCHER

Lesen setzt das Schreiben voraus und ist vielleicht das wichtigste Transportmittel für Wissen unter uns Menschen. Auch in der Moderne wird gelesen. Wer nicht lesen mag oder kann, kann sich vorlesen lassen. Natürlich gibt es das Sprechen. Sprechen ist sicher ähnlich, wenngleich dadurch die direkte Beziehung zwischen Menschen im Austausch im Vordergrund steht. Dabei spielt das nonverbale Verhaltensrepertoire eine nicht unerhebliche Rolle. Sicher eine Stärke von mir, den davon habe ich in meinem Leben sehr stark profitiert. Wer aber nur seine Stärken frönt ist schlecht beraten. Ein guter Redner bin ich wohl immer gewesen. Ob die Botschaften entsprechend wertvoll waren, wage ich zu bezweifeln. Beim Lesen ist man bei sich und hat die Möglichkeit im Gedankenfluss ohne störende Artefakte zu reflektieren. Für mich hat lesen erst in den letzten Jahren einen unbezahlbaren Mehrwert erlangt. Früher, war das Lesen mit dem Lernen in der Schule und Studiengängen mit Anstrengung verbunden. Zweckgerichtet und effektiv erlangte ich Wissen um Prüfungen zu bestehen, akademische Titel und Arbeitspositionen zu erlangen. Diese Zeit misse ich nicht. Jetzt lese ich und verstehe. Ich verstehe warum wir Menschen so sind, voller Reichtum und Schönheit, voller  Sorge und Grausamkeit. Ich verstehe warum die Wirkmechanismen zwischen den sozialen- und psychologischen Gefügen in unserer Gesellschaft so organisiert sind. Langsam wird mir unser Verhalten klar und immer mehr erlebe ich das berühmte aha-Gefühl. Ich bedaure sehr, nicht eher das Lesen in dieser Form entdeckt zu haben. Ich hoffe unserer Kinder und Jugendliche lassen sich das Lesen, nicht so wie ich einst, versauen. Ich möchte niemanden beschuldigen, es war mein Verdienst es mir versauen zu lassen.
Sprachen sind für das Lesen eine Voraussetzung. Ich habe mir auch diese versauen lassen. Muttersprache Spanisch, Muttersprache Deutsch, gefühlte 100 Jahre Englischunterricht. Wie dumm ich war mich nicht intensiver damit zu beschäftigen! Statt dessen an Karriere, an Geld, an Ansehen und an Macht festgehalten… wie dumm von mir. All diese Attribute sind so vergänglich wie das Leben selbst. Es bereitet mir tausend mal mehr Freude ein Buch in drei verschiedenen Sprachen lesen und verstehen zu können. Sprachen entwickeln sich kontinuierlich weiter, erfahren eine Veränderung. Sie beleuchten unterschiedliche Systeme, unterschiedliche Logik in verschiedenen Lebensräumen. Der Reichtum der Sprachen grenzt an Zauberei. Einzelne Worte in bestimmter Reihenfolge aneinander geordnet eröffnet eine Welt der Fantasie. Das Gleiche in einer anderen Sprache auszudrücken ist quasi unmöglich. Eine Übertragung, die durch die Nuancen der gelebten Bedeutung der Worte in den einzelnen Kulturen differenziert werden, ist nur bedingt möglich. Wer andere Sprachen beherrscht, hat eine erweiterte Wahrnehmung, vor allem in Bezug auf den eigenen Lebensraum. Wie das? Nun, wenn ich etwas in einer fremden Sprache ausdrücken muss, bin ich gezwungen vorab meine Gedanken mit den dazugehörigen Gefühlen genauer zu überdenken. Das zwingt mich zur Reflexion, zur Genauigkeit in der Formulierung meiner Botschaft. Als Nebeneffekt schärfe ich meine Rezeptionsfähigkeit bezüglich fremder Botschaften. Diese Sinneserweiterung ist Magie und für mich einer der größten Schätze die ich geschenkt bekommen habe.
Sprachen lesen ist meine neue Herausforderung. Spanisch, Deutsch, Englisch. Es ist noch ein weiter weg zur nächsten Stufe, nämlich Sprachen schreiben – ein Traum von mir, es zu beherrschen. Die allerhöchste Magie, ist die Kunst von Sprachen sprechen. Ich bin noch so weit davon entfernt. Vielleicht fragt sich einer: aber das ist doch so einfach in drei Sprachen sich verständlich zu machen! Außerdem habe ich behauptet ein guter Redner zu sein. Das ist richtig – aber ich träume davon in meinen drei Sprachen so sprechen zu können, dass sie das gleiche in eineindeutiger Weise unmissverständlich ausdrücken. Der Verstand ist ohne Herz nichts Wert und das Herz braucht den Verstand um zu Verzeihen. Diese Botschaft begleitet mich mein Leben lang und in allen Schriften erkenne ich sie wieder. Physik, Musik, Psychologie, Chemie, Ingenieur, Wirtschaft, Literatur, Technik, Therapie, Fotografie, Forschung… egal was ich erlebe, die Funktionsweise ist die Gleiche, das Prinzip identisch. Lediglich der Zugang ist unterschiedlich. Es gelingt mir nur nicht diese Logik meinen Mitmenschen zu erklären, weil mir offensichtlich die richtigen Worte nicht einfallen wollen. Mag sein, dass ich mich täusche und meine Botschaft nicht zustimmt. Dann möge mich jemand durch wahre Worte vom Gegenteil überzeugen.

Nun denn, ich werde jetzt weiter lesen.

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