Die schwere Entscheidung stimmt mich nachdenklich

Zur Zeit sind wir viel unterwegs. Traumfrau hadert, wie immer, mit der Logistik des „was nehme ich mit“. Bei ihr beschränkt sich die Auswahl hauptsächlich auf Laufsachen. Wenn es nach ihrem Optimum gehen würde, wären da 3 bis 4 Koffer im nu gefüllt. Nun ist es so, dass ich auch locker 3 bis 4 Koffer problemlos füllen könnte, riesige Koffer mit Fotoausrüstung. Ginge es nach mir, würde ich immer Stative, Softboxen, mindestens 4 Blitzköpfe und noch vieles mehr mitnehmen. Es ist schon sehr lästig, wenn man überwiegend Outdoorfotos, diese auch noch von bewegten Motiven, macht und unter so einem Mitnehmwahnsinn leidet. Ja, ich brauche Equipment, das Zeug wiegt entsprechend und nimmt jede Menge Platz in Anspruch. Dummerweise muss ich dann auch noch den ganzen Mist mit mir herumschleppen. Erst neulich habe ich auf gut 2500 Höhenmeter geshootet. Mann hätte ich obergeile Bilder gemacht mit mehr Equipment. Aber wie bekomme ich ca. 30kg zeug da hoch. Fotosherpas gibt es noch nicht und irgendwie fände ich das auch ziemlich pervers. Ganz abgesehen davon, dass es dort auch keinen Strom gibt… ein Wechselrichter mit einer dicken Batterie schafft locker 1KW… vergisst es – wiegt ja Tonnen.

Das muss reichen
Das muss reichen

So werden mich zum nächsten Trip wieder meine größenwahnsinnigen Fotoideen quälen, jedes einzelne Teil meiner Sammlung, welches ich da lassen muss, vorwurfsvoll anschauen und bittend flüstern, „ach nimm mich doch mit, du wirst mich sicher brauchen.“ In diesen Momenten bin ich ganz mies drauf! Da bin ich fast geneigt, die von mir überwiegend nicht geschätzten Eiermänner, ähh – ich meine Ironmänner, mit einem Anflug von Verständnis zu begegnen, weil sie sich Equipment für zig tausende von Euros zulegen um statt 14 Stunden, nur 13 Stunden und 48 Minuten im Wettkampf herumzuquälen. Das hilft dem kleinen Ego sich großartig zu fühlen, eben zu denen zu gehören, die Außergewöhnliches vollbracht haben. Die Topleute brauchen unter acht Stunden, haben aber oft weniger gutes Material. Wenigstens da, kann man ihnen das Wasser reichen. Mit dieser Selbsttherapie kehrt in der Regel bei mir die Vernunft zurück. Ok, so ein bisschen besessen bin ich schon mit meinen Fotos. Ich könnte wirklich tagelang an einem Bild herumexperimentieren, bis ich so einigermaßen zufrieden mit dem Ergebnis bin. Mann, bin ich froh, dass ich nicht bei Wettbewerben mitmache. Da hätte ich eh keine Chance, denn bei Fotowettbewerben gibt es keine AKs oder Agegrupers. Bei jeder noch so kleinen Lauf- oder Triathlonveranstaltung gibt es Altersklassen. Das wäre doch was für die Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften. Ehrlich, ich würde sofort mit dem harten Training beginnen, denn die Aussicht in meinem alter Olympiasieger zu werden, wow, da könnte ich auf Facebook angeben! Ich befürchte ich würde dann meine geliebte Frau, meine Fotoleidenschaft und meine Werte völlig vergessen. Nun gut, daher nehme ich das absolut notwendige für meine Fotos mit. Es werden wieder tolle Fotos werden. Wie immer, werde ich mein bestes geben und den Moment genießen, die Menschen, die Natur und mein Leben. Sicher werde ich mich freuen, wenn ich für meine Bilder 6 oder 7 Likies bekomme. Es ist aber nicht das Wichtigste.


 

Erklärung

Ich möchte mit meinem Artikel nicht die Leistung ambitionierter SportlerInnen schmälern. Auch liegt es mir fern diese abzuwerten oder zu kränken. Was mir aber sehr am Herzen liegt ist, dass jede oder jeder der nach Lob und Anerkennung trachtet, die Verhältnismässigkeit seiner erbrachten Leistung nicht verlieren sollte. Wir vergleichen uns untereinander und bewerten unsere Leistungen mit Noten oder Preisen. Das gibt uns die Möglichkeit besser oder schlechter als andere zu sein. Damit werten wir nicht nur eine besondere Leistung auf, sondern werten automatisch andere Menschen ab! Vielleicht ist es uns nicht so bewusst, wenn wir auf der „Gewinner-Seite“ sind. Im Vergleich, verlieren wir dabei oft eben genau diese Verhältnismäßigkeit was wir wirklich für uns leisten. Es geht um besser, höher, weiter, schneller als…, ja als was oder wer? Wir suhlen uns im Lob der Sozialen Netzwerke und fühlen uns großartig, fast wie OlympiasiegerInnen. Viele der Likiesspender überhäufen uns mit Lob und meinen es gar nicht so, sondern stänkern hinter unserem Rücken: „da gibt die so an als zweite in der AK von 5 Teilnehmerinnen und postet ständig wie toll die ist“. Meistens sind diejenigen genauso gestrickt und erwarten regelrecht Likies bei ihren Postings. Nur deswegen liken sie. Warum sind diese Kategorien im Sport eingeführt worden, warum gibt es so viele Sendungen die Menschen untereinander vergleichen, warum werden in Medien Menschen auf- und abgewertet? Die Antwort lieg bei der Hand. Es geht um Profit. Es geht darum, die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Geltung von Menschen mit wenig Selbstwert auszunutzen. Davon haben wir sehr viele. Für einen kurzen verlogenen Traum sind wir bereit uns kaufen zu lassen.


 

Aussicht

Weg vom ständigen Vergleich mit anderen Menschen. Lassen wir alle Wettkämpfe endlich echte Wettkampfe sein. Es gibt nur erste, zweite und dritte Plätze. Alle anderen ambitionierten TeilnehmerInnen sollen ihre eigenen Ziele verfolgen, mit Elan und Spaß an ihre Grenzen gehen dürfen, wenn ihnen danach ist. Dieses ständige sich mit anderen Messen und Vergleichen führt uns von unserer eigentlichen Lebensaufgabe weg, denn wir sind nicht mehr bei uns, sondern nur bei den anderen. Wir verlieren den Fokus zu unseren Fähigkeiten, Wünschen und Aufgaben. Wir verlieren die Sinnhaftigkeit unseres Seins. Das macht uns krank, arm und blind. Suchen wir nach unserer Berufung bei und in uns, nicht außerhalb. Medaillen, Pokale, Podestplätze in allen kleinen Veranstaltungen und Likies sind niedlich. Sie werden und können uns aber eines nicht ersetzten, nämlich, dass wir uns in unserem Wirken und Tun von ganzen Herzen selbst schätzen. Wozu brauchen wir diese ständige Bebauchpinzelung, wenn nicht um den fehlende Selbstwert zu ersetzen.


 

Zurück zum Ursprung

Traumfaru wird wieder jede Menge Sportsachen mitnehmen und an einem Wettkampf teilnehmen. Sie wird wie immer kein Hehl daraus machen und überall posten wie toll sie ist. Sie wird über die Topläufer schreiben und über die Veranstaltung berichten. Ich werde wie immer jede Menge Fotoequipment mitnehmen, mich damit halb zu Tode beim Schleppen quälen und hoffentlich coole Fotos machen. Ich werde wie immer auch noch ein paar Fotos posten und mich riesig über 7 Liekes freuen. Wir sind nicht die besten, nicht die schlechtesten, nicht die mittelmäßigen. Wir tun das was wir lieben – das war nicht immer so.

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