Die verlorenen Wesen

Sie bemühen sich nicht leise zu sein. Langsam dämmert es am Horizont, das schwüle Sommerwetter lässt sich besser nach der Alkoholbetäubung und den unzähligen Drinks in der Anmacherkneipe ertragen. Wer dort hingeht, weiss warum er es tut. Sie wollen Spaß am Leben haben – sich ungefährdet Lust besorgen. Keine Kompromisse, keine Verbindlichkeiten, keine Gefahr verletzt zu werden. Einfach nur die Pure Lebenslust, sich dem  Prickeln der magischen sexuellen Anziehung ausliefern und sich hemmungslos das holen, was man(n) und frau braucht.


Single sein ist in. One night stands sind in. Es ist so wunderbar unkompliziert. Rein, raus viel Applaus bis zum nächsten Körperschmaus. Das streichelt die männliche Selbstwertschwäche, schließlich kann man(n) einen weiteren Streich zur Sammlung hinzufügen. Frauen habe es da schwerer, sie können sich kaum öffentlich mit Flachlegungen brüsten. Ich habe mit einigen von ihnen gesprochen, später, als sie tief in der Krise nicht mehr ein und aus wussten.


Es ist später Vormittag. Der schwere Kopf vom vielen Alkohol und der Rauch aus der Kneipe zeigen ihre Wirkung. Der Sex war gut. Sie steht auf und zieht sich an. Die Partykleider passen nicht so ganz zur Tageszeit, auch nicht zum Ort. Sie muss heim. Ein kurzer Blick in den Spiegel verrät ihr, dass sie sich lieber schnell aus dem Staub machen sollte. Die durchzechten Nächte, ihr Lebenswandel haben deutliche Spuren hinterlassen. Früher, als sie noch jünger war, war das alles kein Problem. Sie öffnet die fremde Haustür und schleicht sich hinaus. In diesem Augenblick öffnet sich die Nachbarstüre und ein älterer Herr steht vor ihr. Verwundert schaut er sie an. Sie spürt seine Blicke und errät seine Gedanken – leichtes Mädchen, kleines Nüttchen. Seine Frau kommt die Treppe heraufgelaufen und stutzt verblüfft beide an. Eine durch und durch peinliche Situation für alle Anwesenden. Sie hastet die Treppe herunter. Verletzt und etwas bockig versucht sie sich zu fangen. Unten angekommen, schreitet sie mit erhobenem Haupt und lauten schritten auf die Straße hinaus. Sie spürt die Blicke der Hausbewohner. Am liebsten würde sie ihnen den Stinkefinger zeigen. Ja das würde sie tun,  wenn sie nicht ihre ganze Kraft aufbringen müsste, um die Tränen in ihren Augen zu verbergen.


Aaaach, das war aber eine geile Nummer. Die Alte war echt scharf. So mag ich das – unkompliziert. Manche Frauen wissen was sie wollen. Es tut doch einfach nur gut für den Hormonhaushalt was zu tun. Es hat zwischen uns gewaltig gefunkt. Zwar brummt mir jetzt der Schädel, aber ich fühle mich ausgeglichen. Der Hammer, dieses Singleleben. Das ist ein geiles Leben. Bin sicher, ich werde später nicht das Gefühl haben, etwas versäumt zu haben. Mach ich jetzt, bis ich meine Traumfrau finde, eben eine „richtige Frau“ fürs Leben und Familie. 


Vergessen wir nicht. In der Regel erziehen immer noch überwiegend Mütter ihre Söhne. Väter halten sich gerne raus. Nur wenn es um ihre Töchter geht, glauben sie, sie vor den perversen Männern retten zu müssen. Sie glauben ihre Töchter seien ihr Eigentum. Sie wollen bestimmen, wen ihre Töchter zum Mann nehmen dürfen. Der große, starke Beschützerpapa. Bei den Jungs sind sie stolz darauf, wenn sie mit Mädchen und Frauen so umgehen, wie sie es bei ihren eigenen Töchtern am liebsten mit Mord und Totschlag vergelten würden. Sie brüsten sich mit präpotenten Sprüchen auf ihren T-Shirts. Die pure geballte Männlichkeit.  Sie merken nicht, wie sehr sie ihre Töchter genau dorthin führen, wovor sie sich so sehr fürchten.


Single sein ist in. Single sein ist nicht leicht. Verheiratet sein auch nicht. Beziehungen sind ebenfalls aufwendig. Verantwortung zeigen ist wichtig. Zuversicht und Vertrauen ist wichtig. Zärtlichkeit und Wärme ist bereichernd. Herz haben ist das wichtigste. Das schließt die Lust nicht aus – im Gegenteil.


Sie bemühen sich leise zu sein. Sie haben viel miteinander geredet. Sie genießen das Prickeln der gegenseitigen Anziehung. Sie wollen Spaß am Leben haben, merken durchaus wie sehr sie sich begehren. Sie haben beide ihre eigene Geschichte, ihre Wünsche und Träume. Sie liegen gemeinsam aneinander geschmiegt und wärmen sich gegenseitig. Sie haben nicht miteinander geschlafen, aber sie haben sich gegenseitig gestützt. Vielleicht werden sie sich wieder treffen, vielleicht auch nicht. Am morgen Frühstücken sie gemeinsam. Eine fast peinliche Stimmung lässt sie schweigen, es ist nichts passiert – und doch so unendlich viel. Zusammen verlassen sie die Wohnung und die Nachbarn nehmen es kaum wahr. Auf der Strasse trennen sich ihre Wege – Single sein ist in. 

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