Die Verwandlung

… oder wie ich vom protagonistischen zum antagonistischen Künstler mutierte. Vorwort Eine Mutter fährt mit ihrem Auto in der 30er Zone mit gut 60 km/h. Sie telefoniert dabei mit ihrem Handy, raucht eine Zigarette und das Kind sitzt im Rücksitz. Gestresst und überfordert fährt sie mich mit samt Fahrrad fast um. „Darüber sollte ich was schreiben“ habe ich mir gedacht. Nicht nur weil sie mich fast umgebracht hat!

Protagonist und Antagonist - wollen sie das Gleiche? Vom Darsteller zum Beobachter
Protagonist und Antagonist – wollen sie das Gleiche? Vom Darsteller zum Beobachter

Der Protagonist ist der Darsteller Gnadenlos sagt er die Meinung. Er beleidigt, wenn ihm danach ist. Er kritisiert, wenn es was zu Kritisieren gibt. Er exponiert sich mit seinem Tun und vor allem mit seiner Sprache. Nicht selten springt er dir mit dem nackten Hintern ins Gesicht. Es kann aber auch sein, dass er dich in den Himmel hinein lobt, dir sämtliche Arten von Liebesbekundungen und sowohl moralische als auch unmoralische, durchaus grenzüberschreitende, Beziehungsangebote offeriert. Der Protagonist baggert dich an – geht aufs Ganze. Er will dich verunsichern, dich begeistern, dich verführen, dich zum Nachdenken zwingen. Manchmal will er dich haben, manchmal dich loswerden. Du kannst dich bei ihm niemals ganz sicher sein; außer… dass du ihm nicht egal bist, weder positiv noch negativ. Er braucht dich! Der Antagonist bist nicht du Er ist der Gegendartseller vom Protagonisten. Er beleidigt nicht, auch kritisiert er nicht. Er ist vorsichtig in seinen Aussagen, spricht dich nie direkt an. Er macht dir keinerlei Angebote, auch beziehungsmäßig ist er sehr zurückhaltend. Er wahrt den Anstand mit Abstand oder den Abstand mit Anstand, ganz wie du willst. Bei ihm kannst du dir ganz sicher sein, dass er dich weder positiv noch negativ  anbaggern wird. Nur bei einer klitzekleinen Sache kannst du dir beim Antagonisten nicht sicher sein.  Du wirst nie erfahren, ob du ihm nicht völlig egal bist. Er braucht dich nicht unbedingt. Der antagonistische Künstler Den habe ich nun erfunden. Er bedient sich dieser oben beschriebenen Mechanismen. Ist er von dir enttäuscht worden, weil du deine Wut an ihn auslässt und ihm Leiden zufügst, dann wird er dich niemals deswegen angreifen. Du wirst nicht einmal erfahren ob du ihn verletzt hast. Willst du was von ihm, wirst du nichts erreichen. Auch wirst du niemals erfahren was er von dir hält. Er wird dir höchstens dankbar sein, weil er durch deine Aktionen aufmerksamer durch das Leben gehen wird. Er wird sich, dank dir, ändern und dich mit großer Wahrscheinlichkeit wieder vergessen. In seinem Verhaltensrepertoire wird sich seine Veränderung bemerkbar machen. Er wird jene erreichen, die seine Nähe verstehen und nur jene zu sich hereinlassen. Er wird es nicht mehr darauf anlegen, Menschen zur Vernunft zu bringen oder gar erziehen zu wollen. Konkret Zurück zur rauchenden Mutter. Der antagonistische Künstler wird Mütter und Väter loben, bildlich und sprachlich in Szene setzten, die mit Freude gemeinsam oder alleine Fahrrad fahren. Er wird das Lachen in ihren Gesichtern bemerken, selbst herzlich lachen und sich freuen. Er wird weiterhin die vielen Menschen wahrnehmen, die  sich in der Natur bewegen und sorgsam miteinander umgehen. Er wird die verliebten Jugendlichen entdecken, die sich zärtlich küssen und auch jene, die sich nach wilden Abenteuern sehnen. Das wird sein Herz erfreuen, denn er wird kein Neid verspüren. Er wird die lebendige Natur mit all ihren Seiten bewundern und einfach dankbar sein, dass er all das erleben darf und nicht vorher zu Tode gefahren wurde. Die rauchende Frau und Mutter, die hat er schon längst vergessen. Vielleicht war sie ja unter den glücklichen Fahrradfahrerinnen dabei.

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