Frau Veronica

Frau Veronica

Manchmal, nämlich dann, wenn du es am wenigsten erwartest, wirst du an Menschen erinnert, die einfach nur gut sind. Ja, es gibt sie! Solche Menschen sind zu jedem gut. Sie werden von einer Aura umhüllt, deren Ausstrahlung auf alle Lebewesen ihrer Umgebung einwirkt. So ein Wesen begleitete mich und unzählige weitere Schüler während unserer  Kindheit und manche bis zum jungen Erwachsenendasein. Ich durfte bis zum 15ten Lebensjahr Frau Veronica, die Bibliothekarin des Colegio Suizo de Santiago/ Chile, erleben. Erst gestern wurde ich an sie erinnert. Meine damalige Klasse trommelt gerade alle Ex-Alumnos zusammen. In dieser, meiner Klasse befand sich auch Silvia, ihre Tochter. Ich erinnere mich sehr gerne auch an sie, mit ihren glatten blonden Haaren, den feinen Gesichtszügen, eher schüchtern hereinschauend und schlanker Statur. Ich fand sie sehr hübsch, die Silvia, aber ich fand sie alle sehr hübsch meine Klassenkameradinnen. Irgendwie war ich in alternierender Periodizität in alle verliebt. Ich fand das die Schuluniform, die sie ab der 8ten Klasse pflichtgemäß tragen mussten, sie ganz und gar nicht im Aussehen benachteiligte. Sie waren äußerst kreativ, wenn es darum ging ihre Vorzüge hervorzuheben. In jener Zeit waren die Minis modern. Ich glaube die Mädels wussten nicht wirklich, was sie uns pubertierenden Burschen damit angetan haben. Aber gut, ich will nicht weiter öffentlich in süßen Erinnerungen schwelgen. Nur zum Verständnis für meine damaligen Klassenkameradinnen: ihr habt mir ganz schön den Kopf verdreht.

Frau Veronica, wie wir sie nannten, war genau das, was man schlechthin unter einer humanistischen Persönlichkeit versteht. Ich bin mir ganz sicher, dass ich nicht der einzige bin, der bei ihrem Andenken Herzenswärme empfindet. Ich bin voller schöner Erinnerungen an Begegnungen mit ihr. Sie hat mich oft getröstet und allein durch ihre Anwesenheit mich besser fühlen lassen. Zum Beispiel, als wir uns impfen lassen mussten. Das geschah in der Schule, just in der Bibliothek, in Frau Veronicas Reich. Heute verstehe ich besser, warum diese Tortur dort stattfand. Sie konnte den eingeschüchterten Schülern und Schülerinnen eine beruhigende Wärme schenken. Ich hatte große Angst vor den Impfaktionen. Ich wusste Frau Veronica sah mir das an und ich bin ihr so dankbar, weil sie mich immer beruhigte und tröstete. Das Gleiche geschah mit angeordneten ärztlichen Untersuchungen. Was hatte ich Panik vor diesen Prozeduren! Stoisch stand sie neben uns und begleitete jeden Einzelnen von uns durch die Unannehmlichkeiten. Liebe Frau Veronica – danke dir! Auch heutzutage nehme ich dich bei solchen Angelegenheiten im Herzen mit.

Ich könnte weiter unzählige Erinnerungen mit Frau Veronica aufzählen und keine Einzige wäre negativ. Eine jedoch, hat sich besonders tief in meine Seele eingebrannt. Ich war in der Bibliothek um mir ein Buch auszuleihen und ein bereits ausgeliehenes Buch zurückzugeben. Sie war sehr genau und Gott sei Dank nicht zu streng, wenn wir es versäumten die Bücher rechtzeitig zurückzugeben. Natürlich war ich mit meiner Rückgabe verspätet und so stand ich mit einem schlechten Gewissen vor ihr. Sie schaute mich prüfend, ja fast durchdringend an. Dann sagte sie zu mir, dass ich eine schöne hohe Stirn hätte, sowie es Gelehrte auch haben. Das hat mich sehr berührt, denn darauf war ich nicht vorbereitet. Es war in dieser Zeit nicht üblich  mit derartigen Attributen gelobt zu werden, schon gar nicht, wenn man Tadel erwartet hatte. Sie tat es und uns Schülern hat das verdammt gut getan.

Es ist gut zu wissen, dass es Menschen wie sie gibt. Ich wusste nicht viel von ihr, wie sie lebte und privat war. Ich wusste so wenig über Silvia ihre Tochter, meine schöne Klassenkameradin und überhaupt wusste ich wenig über alle anderen in meiner Klasse. Oft denke ich darüber nach, dass wir es schlichtweg versäumen, uns bei vielen lieben Menschen für eine gemeinsame Zeit zu bedanken. Würde ich Frau Veronica wieder begegnen, dann würde ich sie in die Arme nehmen und ihr versichern, dass sie mich bis heute in meinem Leben begleitet hat. Ich bin mir ganz sicher, dass ich nicht der einzige Ex-Alumno bin, der sie in guter Erinnerung behalten hat.

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