Gedemütigt, die Scham der männlichen Demut

Manchmal ist es sinnvoll sich mit der Herkunft von Begriffen zu beschäftigen. Demut bedeutet Dienstwillig. Im christlichen Sinne wird das Verhältnis vom Knecht zum Herrn beschrieben. Ganz bezeichnend finde ich die Behauptung: „Der Demütige erkennt und akzeptiert aus freien Stücken, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt.“ Natürlich wird darauf hingewiesen, dass Demut und Demütigung zu unterscheiden sind. Eine Demütigung ist eine öffentliche Erniedrigung oder Beschämung, die von einem Starken dem Schwachen zugeführt wird. Was aus meiner Sicht ganz entscheidend ist, ist die Tatsache von der Existenz zweier Attribute, nämlich stark und schwach.

Die Scham, was heisst das?
Auch hier ist es sehr spannend nach dem Ursprung dieses Wortes zu suchen. Der Begriff „die Scham“  wird mit den äußeren Geschlechtsorganen, speziell der Frauen verwendet. Frauen müssen sich demnach wegen ihren äußeren Geschlechtsorgane öffentlich schämen. Kurioserweise ist unsere Gesellschaft durchdringt von weiblichen äußeren Geschlechtsmerkmalen. Werbung, Internet, Magazine, Sport … überall geht es überwiegend um das „Eine“. Aber warum sind ausgerechnet Scham, Demut und Demütigung miteinander gekoppelt? Wenn Männer derart auf äußere Geschlechtsorgane der Frauen fixiert sind, dann sollte man Glauben, sie müssten eigentlich diese eher vergöttern und ehren.

Eine gewagte Behauptung
Frauen sind das stärkere Geschlecht. Sie gebären, nicht die Männer. Wir alle sind in ihnen entstanden. Gott ist nicht männlich, sondern wenn existent, dann eher weiblich. Männer können damit nicht besonders gut umgehen. Sie müssen kompensieren, sich Mut und Stärke durch Männlichkeit aneignen. Im tiefsten Inneren empfinden sie jedoch gegenüber der starken Weiblichkeit unendliche Demut. Das können sie sich nicht eingestehen, das darf nicht sein. Sie sind vernarrt und sexuell bedingt ganz wild auf die weiblichen Reize. Gleichzeitig müssen sie Stärke zeigen, sich gegenüber andere Männer behaupten. Diese Ambivalenz ist für Männer schwer zu managen. Es ist für sie äußerst beschämend sich gegenüber Frauen so minderwertig und abhängig zu fühlen. Um aus dieser Konfliktsituation halbwegs unbeschadet herauszukommen, wird genau das Abgewertet, was so bedrohlich ist – die weibliche Scham mitsamt Frau.

Erlernte Überlegenheit
Alphamännchen. Starke Überlegenheit, ein Führungstyp der vor Energie und Selbstbewusstsein strotzt. Große Herrscher, große Krieger, große Führer. Unsere gesamte Sprache ist von männlichen Attributen der Stärke durchdrungen. Gewiss gab es auch Frauen die in der Geschichte eine große Rolle gespielt haben. Meistens waren es jedoch Männer. Kaiser, Könige, Diktatoren, Feldherren, Päpste… Bis vor Kurzem war es in der Industrie und in den Regierungen nicht anders. Jetzt ändert sich unsere Gesellschaftsstruktur langsam. Immer mehr Frauen spielen eine Rolle in den Machtpositionen. Was sich aber nicht geändert hat, ist die Struktur rund um die Scham der Männer.

Fragestellung
Jeder von uns kennt die abwertenden Witze, die Dreckigkeit mitsamt Schimpfwörter. Was hindert uns daran die schönsten und reizvollsten Organe der Frauen voller Zärtlichkeit und Bewunderung zu ehren? Warum empfinden wir einerseits Scham und machen so ein Theater mit Intimität, sind prüde, verkorkst und anderseits kleben überall Plakate voller sexbeladener weiblicher Inhalte? Warum können wir einfach nicht offen und ehrlich zugeben, welche Wirkung Frauen auf uns haben? Müssen wir ständig so tun als ob wir alles im Griff haben? Männer sollten ihre Rolle neu definieren. Sie sollten aufhören sich durch ihr Machogehabe profilieren zu wollen. Die Zeit der Feldzüge samt ehrenhafte Siegesehrungen ist endgültig vorbei. Das gilt auch in Betrieben. Machtpositionen werden bald der Vergangenheit angehören. Ein richtiger Mann ist kein Macho mehr. Ein richtiger Mann wertet keine Frau mit ihren äußeren Geschlechtsmerkmalen ab um sich seiner Scham der eigenen Herkunft zu entledigen. Ein richtiger Mann ist kein potenter Raufbold, der sich dadurch von anderen Männern und Frauen abhebt, weil er kräftiger und testosteronhaltiger ist. Das gockelhafte Verhalten soll den Hähnen überlassen werden. Aber wie sollen sich Männer heutzutage definieren?

Bewältigungsstrategien
Sie sollen in erster Linie die Frauen würdigen. Das bedeutet, sich mit der Wirkung, die Frauen auf ihnen ausüben beschäftigen. Empfinden sie die Weiblichkeit als schwach und unterlegen, dann sollten sie sich fragen, wie sie mit den primären Geschlechtsmerkmalen der Frau umgehen können. Das gilt aber auch für die Weiblichkeit an sich. Wir dürfen nicht vergessen, dass überwiegend Frauen Männer erziehen. Nur 4,6% der Männer gehen in Elternkarenz. Erst kürzlich habe ich ein Artikel aus der Zeit über „Verweichlichte Jungs“ in Facebook gelesen. So viel Ignoranz und Idiotie habe ich selten erlebt. Die Diskussion, die durch meine Einwände entstanden ist, lässt mich verzweifeln. Sogar Frauen stimmen mit dem Autor überein, obwohl dieser schrieb: „Jungs werden mehr und mehr mit weiblichem Verständnis in Watte gepackt, harmonisiert und verweichlicht“. Das macht mich so wütend, weil es mich zutiefst verletzt. Natürlich sollen Jungs herumtoben dürfen, Mädchen aber genauso! Wenn wir aber weiterhin Kinder mit den primitiven „Frauen sind weich, harmoniebedürftig, und schwach“ Attributen indoktrinieren, dann werden wir nicht wirklich weiterkommen. Männer sind stark – Frauen auch, Männer sind schwach – Frauen auch. Beide sind vielleicht anders, aber gleichwertig. Manche Jungs sind „weiblicher“, manche Mädels „männlicher“. Ich denke wir müssen aufhören, unsere Voreingenommenheit bezüglich unterschiedlicher Eigenschaften von Frauen und Männer durch Erfahrungswerte und Geschichte zu begründen. Es erscheint mir wesentlich zielführender, um auf das eigentliche Thema der Scham zurückzukehren, uns mit unserem eigenen Leben auseinander zu setzten.

Mein Vorschlag
Jeder Mann sollte sich mit seiner Scham, vor allem in Situationen bei denen er gedemütigt wurde, auseinander setzten. Klar, so ein Schwachsinn, ich doch nicht, bin doch keine Memme! Bist du schon! Ich bin überzeugt, dass ich nicht alleine über einige peinliche und sehr schmerzhafte Ereignisse meiner Vergangenheit berichten kann. Das waren Momente, bei denen ich am liebsten in den Boden versunken wäre. Derartige Demütigungen vergisst man nicht, auch dann nicht, wenn man diese verdrängt. Eine typische kindliche und in Therapien häufig beschriebene Situation ist, dass das Kind von der Mutter geschimpft wurde, als es sich für ihre Schamgegend interessiert hat. Dieses Pfui, war früher sehr häufig und für viele, im späteren Leben, auftauchenden Problemen zwischen Frauen und Männer mitverantwortlich. Kinder können mit diesen Situationen ganz und garnicht umgehen. Vor allem Jungs sprechen nie wieder darüber, sie schämen sich unendlich! Ähnlich ist es, wenn der Vater das Kind ständig niedergemacht hat, weil es klein und schwach, dumm und unwissend war. Besonders schlimm ist es für die kindliche Seele in der Öffentlichkeit bestraft zu werden. Diese Art, Kinder öffentlich vorzuführen ist nicht nur grausam, sondern macht sie später zu ähnlichen Tätern. Wir verdrängen gerne diese Momente, bei denen wir machtlos die Erniedrigung über uns ergehen lassen mussten. Früher dachte ich, es sei nicht so wichtig sich mit diesen tiefen Verletzungen auseinander zu setzten. Es ist sicher belastend und tut auch mächtig weh. Ich glaubte es würde ausreichen sein Verhalten zu ändern und mit Vernunft sich im Leben neu zu orientieren. Mittlerweile weiss ich, dass das leider nicht funktioniert. Die Demütigungen der allmächtigen Eltern, Chefs, Lehrer und Partner haben doch tiefe Spuren hinterlassen, die trotz aller Vernunft und Bildung, gewaltig wirken. Ob wir wollen oder nicht, wir werden in ähnlich auftretenden Situationen, teilweise sehr unbewusst, an diese Schmach erinnert. Dem versuchen wir zu entgehen. Die altbewährte Strategie ist eine perfekte Waffe: Angriff ist die beste Verteidigung!

Die Chance
Wir haben die Chance im Leben uns und unsere Welt in Frage zu stellen. Spüre ich zu einem Menschen eine tiefe Zuneigung, traue mich aber nicht meine Gefühle, meine Wünsche, meine Erwartungen ganz offen auszusprechen, dann werde ich was vor diesem Menschen verbergen. Vielleicht weil ich mich schäme, weil ich Angst habe dafür bestraft zu werden. Also spiele ich was vor, nämlich jemand zu sein, der ich nicht bin. Ich tue Dinge, die mir vielleicht nicht gut tun. Ich verstelle mich um Zuneigung und Liebe zu bekommen. Den Verrat an meine eigene Person tue ich mir deswegen an, weil ich den altbekannten Schmerz und die Demütigung nicht mehr ertragen will. Das Ergebnis ist aus meiner Sicht in unserer zivilisierten Gesellschaft mehr als deutlich erkennbar. Wir werden nicht sehr glücklich, klagen über ein unerfülltes Leben, suchen für all unsere Probleme einen Schuldigen, suchen Trost in Wohlstand und Drogen, viele Männer klagen ausgerechnet frigide Frauen erwischt zu haben, vertrauensvolle und beständige Beziehungen werden immer seltener, etc., etc..
Demut. Demut bedeutete einmal Dienstwilligkeit. Wir Männer haben die Chance demütig uns in Frage zu stellen. Wir können einen Dienst an uns selbst leisten, nämlich ab und dann unser gockelhaftes Benehmen abzulegen und in uns gehen. Das Prahlen sollten wir den Jungen überlassen. Wir sollten Vorbilder für unsere Frauen werden, sie lieben und ehren, ihnen vertrauen und, vor allem, uns ihnen anvertrauen. Sie haben die Fähigkeit uns in die Welt zu setzten, dafür können sie aber nichts dafür! Ihre Körper sind da um uns zu verführen, nicht um verächtlich beschimpft und für Werbezwecke, Pornos und billigen Machtphantasien missbraucht zu werden. Sie sind da um geliebt zu werden, genauso wie wir Männer. Ich finde nicht, dass : „Der Demütige erkennt und akzeptiert aus freien Stücken, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt.“ Es wird Zeit für uns das Unerreichbare und Höhere erreichbar zu machen. Fangen wir bei uns an.

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