Gescheite Entscheidungsträger kratzen die Kurve

Was waren das für Zeiten. Helmut Schmidt, Franz Josef Strauss, Herbert Wehner. Politiker mit Zähnen, bissige Hunde die ihre Meinung kund taten. Menschen die sich nicht scheuten unpopuläre Entscheidungen zu treffen, nicht etwa aus Eitelkeit oder Besserwisserei, sondern aus tiefster Überzeugung. Macht- und Entscheidungsträger mit Format und Charakter.

Helmut_SchmidtFranz_Josef_Strauß_1982Herbert Wehner

 

Heutzutage würden sie alle kaum eine Überlebenschance in unsere Moderne haben. Wahrscheinlich überhäuft von Klagen, von den Medien wegen irgendwelchen, in der Vergangenheit liegenden Skandalen, zerrissen, würden sie das Handtuch werfen. Wer heutzutage es wagt mit Verantwortung eine Meinung, ein Ideal oder eine Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen zu vertreten lebt gefährlich. Die Geier, sind hier und überall. Sie warten geduldig mit einer todesgeilheit um es den bösen, korrupten, protzigen, machtgeilen, perversen Entscheidungsträgern zu zeigen. Irgendwann mach jeder ein Fehler, oder hat schon eins begangen. Sie richten ihre ganze Aufmerksamkeit um die Schwächen ihrer Opfer aufzuzeigen. Mit einer Engelsgeduld sammeln sie Informationen, verfolgen jeder Regung und dokumentieren minuziös die Vergangenheit bis hin zur Gegenwart ihrer Opfer. Dieses Phänomen spiegelt sich nicht nur auf der höchsten Verantwortungsebene ab, sondern hat bereits alle Bereiche infiziert.

Ein Kindergarten wird angeklagt, weil ein Kind vom Baum fällt und sich den Arm bricht. Ein Geschäftsführer wird angeklagt, weil er einer Mitarbeiterin die Meinung gesagt hat. Ein Trainer wird angeklagt, weil er nach Meinung eines Vaters sein Kind überfordert hat. Ein Aupairmädchen wird wegen Verletzung der Aufsichtspflicht geklagt, weil die Mutter des Mädchens ihr befohlen hat was anderes zu tun und das unbeaufsichtigte Kind sich dabei verletzt hat. Eine Klinik wird angeklagt, weil ein Patient über eine unsichtbare Wurzel im Garten gestolpert und dabei sich verletzt hat. Ein…

Wozu soll man den überhaupt noch für irgendetwas Verantwortung übernehmen? Die Gefahr wächst von Tag zu Tag. Wenn man noch einigermaßen bei Trost ist, vermeidet man jegliche Entscheidungsebene, jegliche Aussage, jegliches Engagement – denn irgendwann kommen die Anklage und die Vorwürfe. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. Klar könnte man sich gegen jeglichen Mist Versichern lassen – ist ja auch Zeitgeist. Ein teurer Spaß! Besser noch, man regelt die Dinge a la Berni Ecclestone, mit viel Kohle. Die Nachteile dabei sind, nicht jeder hat soviel Geld und dem Uli Hoeneß hat das Geld auch nicht viel gebracht. Also bleiben wir alle lieber hübsch in der Deckung, verhalten uns möglichst unauffällig, mutieren zu zahnlosen Weicheier und Jasager, übernehmen am besten gar keine Verantwortung für irgend etwas bis unsere Gesellschaft sich von alleine in den Selbsttod durch Handlungsunfähigkeit begibt. Natürlich könnte man auch zum kritischen Geier mutieren, der aus der sichern Deckung heraus auf ihre Opfer wartet. Diese Feigheit besitze ich leider nicht. Ich habe für mich bereits gehandelt und viele Ämter abgegeben. Oh Gott, da fällt mir ja ein, dass ich noch Trainer für junge Triathleten im Verein bin. Versichert bin ich auch nicht. Ich befürchte dieses Risiko kann ich nicht mehr eingehen – schade – denn ich glaube die Sportler hängen an mir. Na ja, wenn was passiert werden viele wie die Geier über mich herfallen. Also werde ich mein Engagement nochmals sehr genau überdenken müssen. Ich will ja schließlich nicht irgendwo als Monster, Kinderschänder, Hochstapler, Perversling, brutaler Trainer, unverantwortlicher Mensch, etc., etc. in den Medien und vorm Kadi erscheinen. Da hilft es mir nichts, wenn ich behaupte: „ich wollte ja nur was Gutes tun“, denn darauf legt heutzutage niemand mehr großen Wert. Die Geier warten nur darauf, dass du von hinten ermordet wirst, damit sie dich anschließend „sauber“ entsorgen können. Nicht jeder Mensch hat die Merkelqualität, nämlich keinerlei Angriffsfläche zu bieten. Diese Genialität im Leben unantastbar zu bleiben, keine Sünde in der Vergangenheit vorweisen zu können, kein Privatleben zu besitzen und so viel reden zu können ohne inhaltlich was auszusagen ist einmalig. Voll ätzend, voll unantastbar, voll erfolgreich weil nix passiert. Das ist unsere Zukunft; voll langweilig.

Epilog

Mutig sein, das wünsche ich mir zunehmend. Die wilde Ungezähmtheit, die ich in meiner Jugend spürte brodelt nach wie vor in mir. Konsequenzen spielten keine Rolle, ständig eine dicke Lippe riskieren und öfters mal eine aufs Maul zu bekommen war damals cool und passierte regelmässig. Es ging nicht darum zu schädigen, zu benachteiligen oder anzugeben. Wir waren so. Bei meiner letzten Tätigkeit habe ich erfahrene müssen, dass die Welt jetzt anders organisiert ist. Vieles ist besser und sicherer. Vieles ist aber feiger geworden. Jeder von uns muss sich mehrfach absichern, wenn er was riskiert. Fehler und Unzulänglichkeiten der Vergangenheit spielen eine größere Rolle als Verdienste. Wie viele bekannte Menschen wurden in den letzen 10 Jahren fertig gemacht? wie viele weniger Bekannte? Unsere Glaubwürdigkeit wird permanent in Frage gestellt. Meistens rückt der Neid, der Hass und die Minderwertigkeit in den Vordergrund. Öffentliche Rache ist in. Mutig sein – so wie damals – das wünsche ich mir zunehmend. Damals hatten wir noch Herz, heute werden wir dafür richtig böse bestraft. Ja nicht auffallen ist die beste Lebensversicherung. Ich gebe ganz ehrlich zu, dass ich gerne wieder den Mut meiner Jugend in mir hätte. Nach den vielen Jahren bin ich sehr müde geworden. Mein Herz schafft es ab und dann sich zu melden. Wenn ich die Bilder von Schmidt, Strauß und Wehner betrachte steigt meine Hochachtung gegenüber Menschen wieder erheblich an. Ich glaube daran, an uns Menschen.

 

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