Habe so ´nen Hals-weh

Prolog

Ein Schöngeist kann mit Halsweh nicht schlafen. Der kann auch keine schönen Fotos mächen. Denken sollte er. Schließlich ist es seine Hauptaufgabe – das Nachdenken.

Ihre Stärke ist ihre Zerbrechlichkeit
Ihre Stärke ist ihre Zerbrechlichkeit – Sie hält jedem Schlechtwetter stand – Sie ist zart und schön

Heute habe ich mich mit krebskranken Bloggern beschäftigt. Viele von ihnen sind unheilbar. Sie sind trotzdem sehr positiv eingestellt. Sie haben Hoffnung und leben jeden Tag sehr bewusst. Kann es sein, dass wunderschöne Menschen für die hässlichen Menschen mitleiden müssen? Warum müssen sie die Chemos ertragen, die Schmerzen und all die Quälereien? Ein Schöngeist hätte schon längst aufgegeben. Sie schreiben auch schöner als ich. Nun sitze ich hier und ärgere mich über das Wetter, mein Halsweh und weil ich keine schönen Fotos mächen kann. Ein Schöngeist kann nicht schlafen; nicht weil er Halsweh hat, sondern, weil er ein schlechtes Gewissen hat. Es hilft ihm kaum, dass andere Menschen überhaupt kein Gewissen haben und in ihrer egomanischen Welt sich ein Scheißdreck um andere kümmern. Es beruhigt ihn kaum, wenn er was Gutes tut. Seine Seele ist mit Bildern von Menschen, die sich selbst nicht schön finden und in Wirklichkeit wunderschön sind, gebrandmarkt. Er hat die Lügen satt. Er ist es Leid angelogen zu werden. Er hat es verlernt selbst zu lügen und noch schlimmer, sich selbst zu belügen. Er kann nicht für andere mitleiden. Er kann sich mit und für andere freuen. Er kann das Schöne erfassen. Des Schöngeists Pflicht ist es, den Menschen auf den Geist zu gehen, nicht müde zu werden ihnen immer wieder die Augen öffnen zu wollen. Ihr seid Einzigartig- ja! Aber das sind andere auch. Ebenfalls unsere Natur unsere Erde unser Universum unser Schaffen, Musik, Kunst, Technik ist großartig. Ihr seid großartig – ja! Aber alleine seid ihr gar nichts. Ihr seid das was ihr seid, weil es andere vor euch gegeben hat. Mütter und Väter, Lehrer, Wissenschaftler, Dichter, Künstler, Ingenieure, Chemiker, Sänger, Huren, Priester, Politiker, Philosophen, Ärzte… Ihr seid ein winziges Körnchen vom Ganzen, ein wichtiges winziges Körnchen. Spielt euch nicht so auf, als ob ihr das wichtigste Körnchen wäret. Das haben schon einige versucht und sind daran gescheitert.

Auf den Geist-Geh-Teil

Da ist es wieder. Ein Pärchen, dass sich zum x-ten mal auf Fackebuck in intimer Umgebung und halbnackten Posen postet (sie sehen beide blendend aus und um noch besser zu wirken, zeigen sie uns ihre perfekten Kinder), Sportler die wieder eine Meisterschaft bestritten haben und gierig nach Likies haschen, lauter Superlative der Arm-Glückseeligkeit. Nein, dem Schöngeist gehen sie nicht mehr auf den Geist. Warum auch, sie kassieren mächtig Likies. Wie kleine Kinder in der Schule, die sich mit guten Noten Liebe und Zärtlichkeit erkaufen wollen, Modells die durch ihr äußeres Erscheinungsbild wertvoller und begehrter als andere sein wollen, betrügen sich selbst. So funktionieren wir halt. Wir brauchen sichtbare Werte um Wertvoll zu wirken. Verlieren wir diese Werte, werden wir Wertlos. Keine Schönheit, keine Likies – keine Leistung, keine Likies. Ja ist diese Behauptung nicht zu Pauschal? Sicher ja. Heranwachsende und Jugendliche haben das Recht sich mit Selfies und weiteren Postings zu präsentieren, sie brauchen diese Bestätigung für ihre Entwicklung. Daher liked Schöngeist ihre Postings aus Überzeugung und erfreut sich ihrer Schönheit und Frische. Bei nach Annerkennung heischenden Erwachsenen… na ja, dort liked er aus homöopathischen Gründen, nach dem Prinzip Gleichen mit Gleichen bekämpfen. Die sind eher in diesem pubertären Entwicklungsstadium stecken geblieben 😉 Ich vermute den Jugendlichen wird diese Entwicklung mächtig stinken, „die Alten“ sind so peinlich. Es ist nur eine Frage der Zeit bis Fackebuck & Co. überwiegend von überalterten, morbiden Gestalten besucht wird. Die Jungen werden in den Reality-Trip abwandern.

Epilog

Sie sind wirklich schön, die Krebskranken Blogger. Ich hoffe sie hatten heute viel Freude und irgendjemand hat ihnen gezeigt, wie schön sie sind. Ich hoffe, dass sie keine Schmerzen hatten und ich bete, dass sie wieder ganz gesund werden, auch dann, wenn sie als Unheilbar geführt werden. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich viel zu oft zu feige bin mein Mund zu öffnen. Ich bin wütend, weil ich sie nicht heilen kann. Ich fühle mich so Machtlos, weil ich so wenig bewirken kann. Ein Schöngeist muss Bescheidenheit lernen. Bin froh, wenn ich wenigstens einem auf den Geist gegangen bin. Bin halt auch ein kleines Körnchen. Gute Nacht.

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