Ich bin nicht gegen Wettkämpfe im Sport

Es ist wahrlich nicht leicht als Langstreckentrainer kritisch gegenüber Wettkämpfen zu stehen. Mit meiner Haltung habe ich mir bereits viele Feinde eingehandelt. Ich verstehe die Sportler sehr wohl, wenn sie sich von meinen Äußerungen angegriffen und diffamiert fühlen. Da trainiert man auf einen Wettkampf hart und gewissenhaft, möchte den einen oder anderen Gegner besiegen und vielleicht freut man sich auf eine Medaille in der Altersklasse. Soweit, so gut. Was soll daran falsch sein?

Das versuche ich im Folgenden in unterschiedlichen Leistungsklassen zu erörtern.

Wettkampf
Wettkämpfe machen Sinn

HochleistungssportlerInnen, Profisportler

Diese Gruppe ist auf Wettkämpfe angewiesen. Training und Betreuung sind meistens sehr professionell gestaltet. Auf das Thema Doping gehe ich hier bewusst nicht ein und beziehe mich auf saubere SportlerInnen. In diesem Bereich sind die Athleten sehr auf ihre Ziele fokussiert und suchen daher das Optimum im Alltagsleben um diese zu erreichen. Daher ist die Gefahr von übertriebenem kontraproduktivem Ehrgeiz  kaum vorhanden. Für diese Gruppe ist das Laufen Job und Leidenschaft gleichermaßen. Wettkämpfe werden nicht übertrieben häufig konsumiert, sondern sehr gewissenhaft und durchdacht ausgesucht. Für diese Gruppe… ein absolutes JA von mir!

Ambitionierte LäuferInnen
Diese Gruppe ist aus meiner Sicht die kritischste. Ich gehe hier sehr wohl auf das Thema Doping ein, denn diese Menschen neigen dazu, alles zu riskieren um besser zu werden. Aus meiner Sportler- und Trainererfahrung glaube ich, dass hier einiges schief läuft. Die wichtigsten Merkmale vieler Sportlerinnen in dieser hohen Leistungsebene sind leicht erkennbar und wie gesagt häufig vorhanden:

–          Übertraining und wenig Regeneration

–          Viele Wettkämpfe bestreiten, sogar fast wöchentlich oder noch häufiger

–          Ständiges Vergleichen mit Anderen und deren Leistungen in der Laufszene

–          Heischen nach Anerkennung für ihre erbrachten Leistungen (soziale Netzte)

–          Häufige Verletzungen

–          Starke Leistungsschwankungen

–          Starke Gewichtsschwankungen

Diese Menschen besitzen zweifelsohne eine sehr starke Suchtstruktur, sie brauchen den Stoff Wettkampf, sie brauchen den Stoff Training, ganz egal ob sie ihre Gesundheit gefährden, oder auch nicht. Natürlich sind die Helferlein zur Leistungssteigerung willkommen. Auch erlaubte Mittel, wie z.B. Schmerzmittel sind für sie an der Tagesordnung. Ihr Vorteil ist, dass kaum Veranstalter Kontrollen für sie einführen werden; die sind nämlich teuer und sie würden ihnen mit Sicherheit das Geschäft versauen. Die Dunkelziffer der Sünder ist hier hoch und doch verschließen wir die Augen vor der Realität. Ich weiß, ich mache mich sehr unbeliebt, wenn ich immer wieder darauf hinweise. Ich bin seit 25 Jahren therapeutisch tätig. Daher nehme ich mir die Freiheit zu behaupten, dass es sich hier eindeutig um ein bedenkliches Suchtverhalten handelt. Natürlich nicht bei allen ambitionierten Läufern! Es gibt auch hier sehr vernünftige, begeisterte SportlerInnen, die auf sich achten, sehr  gewissenhaft und glaubhaft aus Liebe zum Sport hohe Leistungen erzielen. Für diese von mir auch ein JA zu Wettkämpfen, denn sie gehen gewissenhaft und vernünftig mit sich um. Sind aber O.g. Merkmale vorhanden, dann besteht aus meiner Sicht kein Zweifel, Wettkämpfe sind für diese Menschen Gift.

Durchschnittliche LäuferInnen
Eine Gruppe, die vor Allem in der Marathon und Halbmarathondistanz stark zunimmt. In dieser Gruppe geht es ums Laufen, um Spaß und Freude, um eigene Ziele zu erreichen, um gemeinsam was zu Erleben und auch teilweise um die eigene Gesundheit.   Wettkämpfe werden nicht primär als „sich mit anderen messen“ wahrgenommen, sondern eher als eine persönliche Herausforderung angesehen. Gewiss gibt es auch unter diesen Menschen jene, die extrem Ehrgeizig an ihre Grenzen herangehen und ebenfalls zu den Helferleins greifen. Diese tun es aufgrund ihrer Selbstwertproblematik und versuchen sich durch eine Leistungssteigerung aufzuwerten. Einmal Blut geleckt, ist die Gefahr relativ groß, unter der Voraussetzung sie erfüllen die körperlichen Möglichkeiten, dass sie zu den „ambitionierten“ übergehen. Aus meinem Verständnis ist das Schöne an dieser Gruppe, dass durch das Laufen die Meisten für sich sehr stark profitieren. Neue Freundschaften entstehen, machbare Ziele werden verfolgt, was wiederum das Leben sinnvoll und reicher werden lässt. Diese Sportler gewinnen an Kompetenzen und Gesundheit, ja an Lebensfreude. Wettkämpfe JA, aber in Maßen.

Problem Leistung

Ich bin kein Gegner von Leistung! Für mich stellt sich die Frage aus welcher Motivation und zu welchem Zweck  wir Leistung erbringen. Ist meine Motivation mich weiter zu entwickeln, Erfahrungen zu machen, mich besser kennen zu lernen, stärker und mutiger zu werden, Angst zu bewältigen, bewusster zu Leben und mehr spüren, gesünder zu sein, etc., dann ist es allemal gut Ziele durch Leistungserbringung zu erreichen. In jedem dieser Fälle, bin ich bei mir und es geht um mich und um meine persönliche Entwicklung. So lerne ich besser mit Stress, mit Kritik, Belastungen und mit Lebensereignissen umzugehen. Ich lerne besser Beziehungen zu verstehen und kann wesentlich besser auf mich und andere achten. Wenn jedoch die Leistung vordergründig dazu dient, Anerkennung zu bekommen, dann läuft was schief. Habe ich den Drang ständig mich messen zu müssen, zu gewinnen, gelobt werden zu müssen, dann versuche ich mein Durst nach Liebe durch Leistung zu befriedigen. Es ist eines der Hauptprobleme unserer Gesellschaft, da wir so erzogen werden. Was mich sehr traurig stimmt, ist die fehlende Bereitschaft vieler betroffener Sportler diesen Teufelskreis zu erkennen. Zu groß ist die Bedrohung, zu groß ist die Angst vor der Selbsterkenntnis. Stattdessen werde ich teilweise als menschenfeindlich beschimpft, eine normale Reaktion der Abwehr, denn gerade diese Menschen sind extrem kränkbar, weil es ihnen im Grunde genommen gar nicht gut geht. Eine Erkenntnis ihres leistungsfixierten Handelns würde ihnen sehr wehtun, dass möchten oder können sie aber nicht zulassen.

Ausweg

Treffe ich für mich die Entscheidung nicht den Rest der Welt für meine Selbstzerstörung und für meine Sucht verantwortlich zu machen, habe ich viel erreicht. Dann bin ich bei mir. Der Weg ist sicher nicht leicht und in der Regel schmerzhaft. Es lohnt sich, davon bin ich überzeugt! Ich spreche ja aus eigener Erfahrung. Wahrscheinlich leben wir nur einmal und ich wollte nicht am Ende meines Lebens feststellen…

„ich habe alles getan um geliebt und anerkannt zu werden, dabei habe ich vergessen mich selbst zu mögen. Wozu habe ich überhaupt gelebt?“

Jetzt lerne ich zu lieben, mich und andere. Das macht mir Mut und viel Angst. Das macht mich nicht besser oder schlechter als andere.

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