IchAuch und DuAuch

Wer hätte das gedacht. Die Diskussionen über die Kampagne dauern jetzt sehr lange und es scheint so, dass die Beständigkeit der Bewegung einige andere, teils wichtige, Themen bei Weitem übertreffen wird. Warum eigentlich? Diese Frage geistert in meinem Kopf herum. Ich will diese Entwicklung nicht bewerten sondern verstehen.

Ich finde die Schulmedizin hervorragend, denn ihre Errungenschaften sind unglaublich. Wenn es darum geht, Akutleiden zu behandeln, dann gibt es kaum Alternativen zur modernen Medizin. Wenn es aber um chronische Leiden geht, versagt die Schulmedizin. Viele Ärzte und Ärztinnen haben mich für diese Aussage stark gerügt. Nehmen wir z.B. rheumatische Erkrankungen. Die sogenannte Basistherapie stammt aus der Krebstherapie. Dabei wird das Immunsystem durch Medikamente heruntergefahren und somit soll diese Autoimmunerkrankung gestoppt werden. Es funktioniert gar nicht oder ganz selten. Würde es funktionieren, gebe es keine rheumatische chronische Erkrankung. Tatsache ist, dass Rheuma zunimmt. Das gleiche gilt für chronische Schmerzen. Was tun wir also? Wir versuchen die Symptome zu bekämpfen, diese wegzumachen! Das funktioniert kaum. Es ist der gleiche Ansatz wie bei der IchAuch Kampagne. Glauben Frauen wirklich daran, wenn sie Übeltäter, die vor 20, 30, 50 Jahre Scheiße gebaut haben und diese jetzt öffentlich zur Sau gemacht werden, an der Ursache des Übels was ändern zu können? Glauben sie wirklich durch Symtombekäpfung die Ursache des Übels beseitigen zu können? Bitte nicht falsch verstehen. Es geht mir nicht darum diese Übeltäter zu beschützen. Es geht mir eher darum, sie nicht als Instrument und Ausrede der eigenen Hilflosigkeit zu benutzen. Das Problem nämlich warum passiert so etwas, wird dadurch nicht gelöst. Es wird eher schlimmer gemacht, denn es geht auf einmal nur um Schuld und Unschuld, um Täter und Opfer, um Gut und Böse. Menschen lieben diese Kategorien. Sie blenden dabei ihre eigene Unfähigkeit und Verantwortung gegenüber sich selbst aus. Sprüche wie: „das System ist krank, ich kann nichts dafür, Männer sind Schweine, Männer benutzen Sexualität als Machtmittel,“ etc., etc. um sich zu rächen. Ganz besonders auffällig sind jene Stimmen, die behaupten sie wollen andere Frauen davor bewahren und nur deswegen gehen sie in die Öffentlichkeit. Das glaube ich ihnen überhaupt nicht. Sie sind verletzt und wissen nicht wie sie aus ihrem Trauma herauskommen. Sie waren feige, ihnen fehlte damals was um sich zu wehren, sie haben sich selbst im Stich gelassen und waren sicher sehr hilflos. Das vergisst Frau/Mann nie!

Ganz ehrlich, wer kennt dieses Gefühl nicht? Ich kenne das sehr gut. Ich würde auch am liebsten Täter sofort fertig machen, sie entmachten, sie in den Kerker werfen und sogar öffentlich zur Sau machen. Genau das passiert jetzt. Wir sind dabei die Symptome zu beseitigen und hoffen die Ursache damit ebenfalls zu zerstören. Wir schreien nach Veränderung. Mag sein, dass das Bewusstsein sich in der Öffentlichkeit dadurch verändert und die entstehenden Diskussionen einen Beitrag zu einzelnen Bereichen, wie Film, Kunst, Sport leistet. Aber das eigentliche Problem, nämlich Gewalt zwischen Menschen, wird kaum tangiert. Glaubt ihr wirklich, dass das ganze IchAuch Theater wirklich was an der Ursache des Übels ändert? Ich nicht!

Was wir bräuchten wäre eher einen anderen Zugang. Wir sollten Frauen und Männer in ihrem Selbstwert stärken. Wir sollten in der Erziehung, in der Ausbildung in der Arbeit Frauen und Männer dazu befähigen sich deutlich abzugrenzen, wenn ihnen jemand zu nahe kommt. Wir sollten jene, die Grenzen überschreiten erklären warum sie es nötig haben diesen Drang zu verspüren und vor allem, wie und wo sie Hilfe bekommen um damit aufzuhören. Selbstwert, Selbstvertrauen, Selbstregulation, Selbsthilfe… Fremdwörter in der aktuellen Diskussion. Da ist es doch wesentlich einfacher zu beschuldigen. Ich möchte keine Kinder haben, die sich ständig als Opfer definieren. Ich möchte ihnen auch das Opfersein ersparen und natürlich möchte ich keine Kinder haben, die zu Täter werden. Das alles blieb mir nicht erspart. Hören wir doch endlich auf mit Schuldzuweisungen um uns zu werfen. Ich plädiere nicht Straftaten zu vertuschen. Ich plädiere nur dazu, dass Missbrauchsopfer nicht zu Missbrauchstäter werden. Rache ist der falsche Weg, denn Rache heilt keine Wunden und ändert nicht das geringste an bestehenden Ungerechtigkeiten. Im englischen gibt es einen Ausdruck, der kaum übersetzbar ist: empowering… ist genau das, was wir brauchen. Stärken wir unsere Kinder, denn uns fehlt es gewaltig an Selbstwert. Hören wir auf zu bekämpfen. Wir haben Gesetze die Straftaten regeln. Konzentrieren wir und lieber auf die Behandlung unserer eigenen Schwächen. Die Ursache ist erkannt. Die Behandlung der Symptome wird uns nicht weiterbringen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.