Introspektive Fotografie

aufwachen
waking up is beautiful

Introspektion ist psychologisch mit Selbstbeobachtung zu übersetzten. Soziologisch ist die Dialogische Introspektion mit der Wahrnehmung des Bewussten Erlebens in Gemeinschaften durch Gerhard Kleining definiert worden. In der Programmierung wird der Begriff  für  Programmteile verwendet, die ihre Struktur selbstständig, wenn es von Vorteil ist, ändern können. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Programme ihre eigene Struktur kennen. In der Medizin wird Introspektion für die Einsicht in das Körperinnere verwendet.  In der Linguistik bedeutet Introspektion Bewerten von Mehrdeutigkeiten und anderen Äußerungsmerkmalen nach persönlicher Wahrnehmung bei sich selbst.

Introspektion hat etwas mit „Beobachten“, „Wahrnehmen“, „Bewusstsein“, „Erleben“, „Erkennen“, „Beurteilen“, „Einsicht“ und „sich selbst“ zu tun.

Für mich erfüllt die Fotografie die ideale Voraussetzung für diesen Prozess, der in der Folge zur Modifizierung oder Veränderung des Selbst führt. Ich spreche jetzt nicht von dem wilden intuitiven Knipsen und Schauen was dabei herauskommt. Zufälligerweise kann dabei ein sehr gutes Bild entstehen. Ich meine eher die  intensive Auseinandersetzung mit dem Motiv, vorher, während und danach. Ich gehe und öffne meine Sinne, hinterfrage die Location, suche nach Standorte (Sichtweisen), warte geduldig auf Eingebungen, warte auf Momente, beobachte das Licht, beobachte die Umwelt, hinterfrage meine momentane Beziehung zum Ort, Gedanken, Gefühle – ich bin hier und was passiert mit mir, nicht verkrampft, sondern losgelassen.

Ich lasse mich gnadenlos auf einen Dialog mit meinem inneren Erleben und der Umwelt ein. Ich lasse eine Beziehung zu, direkt, intim und grenzenlos. Was dabei herauskommt gefällt mir nicht immer. Es ist ab und dann bedrohlich und schmerzhaft. Es ist meistens schön und erfüllend. Es ist niemals gestellt. Es ist ehrlich. Es wirkt und es bewirkt.

In einer medialen Zeit bei der Intimität kaum geschützt werden kann, ist es aus meiner Sicht wichtig Raum für Intimität zu schaffen. Fotografie wird oft als voyeuristischer Akt bezeichnet oder gar mit Jagt assoziiert. Für mich trifft das nicht zu. Mir hilft die Fotografie mit mir ins Reine zu kommen. Ich jage nicht, ich geile mich nicht mit scharfen Kurven auf, ich beobachte und lasse auf mich wirken. Ich liebe es erotische Gefühle zuzulassen, Erinnerungen aufkommen zu lassen, Erkenntnisse zu haben und immer wieder neue Perspektiven zu suchen. In der Nacharbeitung oder Entwicklung der Rohbilder reflektiere ich stark. Zeit und Raum für das Erlebte. Es erfüllt mich sehr, wenn meine Bilder dann länger betrachtet werden. Mein Traum ist es, dass ein Bruchteil der Beobachter sich introspektiv mit meinen Fotos einlässt. Meine Botschaft verstehe sich als Anstoß zur Selbstreflektion. Ja auch ich träume von einer ehrlicheren, glücklicheren und gerechteren Welt. Am Wissen fehlt es uns nicht, wir scheitern an unseren persönlichen Unzulänglichkeiten. Vielleicht weil wir uns vernachlässigt haben. Wir haben es geschafft introspektionsfähige EDV-Programme zu erstellen. Das entbindet uns nicht von der Pflicht unsere eigene Person weiterhin introspektiv zu begegnen.

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