Ja, liebe Mutter – Lieblingskinder sind keine Seltenheit

Natürlich haben Eltern ihre Lieblingskinder. Ich erspare mir an dieser Stelle über Forschungsergebnisse zu berichten und Quellenangaben zu machen. Die Studien weichen zwischen (45 – 80)% in der Häufigkeit von bevorzugten Kindern bei Eltern. Das hängt mit der Fragestellung, bzw. der Eingrenzung der Kriterien, was unter Bevorzugung vorab definiert wurde. Selbstverständlich kann man auch von bestimmtem Eigenschaften des Kindes ausgehen. Manche Kinder sind den jeweiligen Eltern einfach vertrauter und lieber, weil sie mit deren Merkmalen besser zurecht kommen. Das kann das Geschlecht, Charakterzüge oder äußere Merkmale beinhalten. Manchmal spielen aber auch die Umstände der Zeugung, des Geburtszeitpunktes, oder andere Faktoren eine Rolle. War die Zeit problembehaftet oder eher sorglos, war die eigene Verfassung gut oder voller Zweifel und Labilität. Es sind sicher sehr multifaktorielle Bedingungen, die je nach Elternteil eine Präferenz entscheidend beeinflussen können.

Ist das so tragisch?
Meiner Meinung nach nicht. Ich denke, dass die Tragik erst mit der Unfähigkeit vieler Elternteile im Umgang mit ihrer Präferenz für eines ihrer Kinder entsteht. Wenn ich mir darüber klar werde, dass eines meiner Kinder mir eher als die anderen zusagt, dann habe ich die Möglichkeit auch besser damit umzugehen. Wenn ich aber über mich entsetzt bin und mir sofort verbiete nur ansatzweise daran zu denken das ich ein Liebling habe, dann werde ich kaum damit fertig werden können. Ich werde mich tief im Inneren Schuldig fühlen, mich schämen und alles Mögliche tun, um mich, meine Kinder und die Welt davon zu überzeugen, dass es nicht so ist. Hier sehe ich das eigentliche Problem. Was nicht sein darf und trotzdem ist, kann kaum verarbeitet werden.

Eine mögliche Lösung
Nehmen wir doch allen Eltern, die ein Lieblingskind haben, das schlechte Gewissen ab. Sagen wir ihnen, dass es OK und weder ein Verbrechen noch ein moralisches Vergehen ist ein Lieblingskind zu haben. Sagen wir ihnen, dass es sehr häufig in unserer Welt vorkommt und es nicht ein unnormales, sondern übliches Phänomen ist. Schaffen wir diese Entlastung, nehmen wir ihnen das verwerfliche, falsche Eigenbild und geben ihnen im Gegenzug die Chance ihre eigenen Neigungen zu verstehen. Dieses Befreiungswunder habe ich in meinem Leben oft erleben dürfen. Es ist einfach unbeschreiblich, wie sehr Menschen unter der Last ihres sündigen Denkens und Fühlens leiden. Manchmal tun sie es von sich aus, manchmal werden sie dahin getrieben. Wenn sie lernen sich die Erlaubnis zu geben – in diesem Falle- ein Lieblingskind haben zu dürfen, dann fällt sehr viel Leid von ihnen ab.

Die Folgen für Elternteile sind…
Gewaltig. Es wird sehr viel Raum in der Gefühlswelt des Elternteils frei werden. Dieser Raum kann durch neue Gefühle besetzt werden. Die anderen Kinder bekommen Raum. Sie werden diesen Raum erobern können und Ihren Eltern große Freude bereiten. Das Lieblingskind wird entlastet werden und auch davon profitieren. Das kommt im nächsten Beitrag. Ich erinnere mich an meine alte Weisheit, die ich irgendwo aufgeschnappt habe. „Nicht die Wirklichkeit ist für das Leid des Menschen verantwortlich, sondern der Glaube man könne sie beständig unterdrücken.“  Das Verdrehen und oder Unterdrücken der Realität hilft uns demnach sehr, zunächst die eigenen Defizite zu ertragen. Das brauchen wir, weil wir von Anfang an nicht wissen können, wie wir mit dieser – unserer eigenen Realität mit Stärken und Schwächen – umgehen sollen. Vielleicht entwickelt sich diese Annahme sukzessive zu meinem Lebensmotto. Je mehr ich an Erfahrung im Laufe meines Lebens gewinne, desto eher kann ich die Wirklichkeit an mich heranlassen. Das beinhaltet auch die Bewältigung vieler unterdrückter, teils schmerzhafter Erfahrungen. Bewältigung heisst auch Leid abbauen und ermöglicht viele Chancen im Leben. Eine der wichtigsten Chancen im Leben ist es, anderen Menschen verzeihen zu können, die einem Schaden zugefügt haben. Das kann man am ehesten, wenn man sie versteht. Sie haben nicht die Fähigkeiten entwickeln können, ihren Glauben zu hinterfragen um sich mit ihrer Wirklichkeit auseinandersetzen zu dürfen. Sie sind, warum auch immer, in ihrer Entwicklung stehen geblieben. Keine Mutter oder kein Vater ist schuld daran ein Lieblingskind zu haben. Die Schuld ist genauso fehl am Platze, wie die Unschuld. Als Nicht-Lieblingskind habe ich verziehen und ich hoffe Lieblingskinder können auch verzeihen. Nicht ganz ohne Hintergrundgedanke, bringe ich diesen Beitrag. Viele Deutsche und Österreicher fühlen sich von ihren Urmüttern im Stich gelassen. Sie Vergleichen sich mit anderen Kindern, verdammen sie als Nebenbuhler und Argumentieren mit Beweisen. Sie sind voller Hass und sehr verletzt – unfähig der Realität ins Auge zu blicken.

Wer sich für Kindererziehung und Erziehungsstile interessiert, der kann hier Wissen und Erfahrungen finden.

Parallelen – die Ablenkung vor der eigentlichen Botschaft in Rot
Stellvertretend für Kinder können auch Projekte, Mitarbeiter, Abteilungen, Partner, usw. stehen. Meine systemische Überlegungen habe ich auf vielen Ebenen übertragen. Betriebe und Schulen sind dabei Paradebeispiele. Erst kürzlich musste ich an einen Lehrer von mir denken. Er bevorzugte junge Mädchen, fand sie einfach anziehender und ließ es uns Jungen, ganz besonders mich, stark spüren. Heute weiss ich warum ich sein bevorzugtes Opfer war. Ich konnte damals auch nicht meine Klappe halten (werde es wohl auch nie lernen) und konfrontierte ihn mit seiner Realität. Er war wirklich ein armer Teufel und wie ich im Nachhinein erfahren habe sehr unglücklich mit seinem Leiden. Er hat es nicht geschafft, leider.

 

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