Sollen sie doch ersaufen

täglich im Mittelmeer - irgendwann werden wir uns auch daran gewöhnen
tägliches Drama im Mittelmeer – irgendwann werden wir uns auch daran gewöhnen

Da lese ich harmlose Postings – ja wir können nicht allen helfen – wir sind nicht dafür verantwortlich – wir müssen nicht die Schlepperbanden unterstützen – wir müssen hart bleiben – unsere Arbeiter sind auch täglich 11 Stunden der Sonne ausgesetzt, etc., etc.

Da lese ich weniger harmlose Postings – die gebe ich nicht wieder.

Männer, Frauen, Kinder ertrinken. Sollen die doch ersaufen – was geht mich das an?

Jeder Mensch wird vor Gericht gestellt – irgendwann. Spätestens beim Tod. Das hat nichts mit Angstmache oder schlechtes Gewissen zu tun. Das ist einfache Logik – pragmatisch und emotionslos.

Ich habe schlecht geträumt heute Nacht. Schreiende Wesen, die hilflos dem Tode ausgeliefert sind. Schmerzhaftes Sterben, ertrinkende Kinder, verzweifelte Mütter und Väter – alle ertrinken. Sie alle sind es nicht Wert. Sollen sie doch ersaufen. Was wollen die bei uns, warum bleiben sie nicht dort wo sie hingehören! Selber Schuld – wir können nichts dafür. Wir haben genug Probleme hier. Nein wirklich – wir können nichts dafür. Das Mittelmeer ist rot, voller unreines Blut. Oh Gott, wo wir doch mit unseren Kindern unseren wohlverdienten Urlaub verbringen. Ekelhaft. Warum bleiben die nicht wo sie hingehören, diese Plage!

Wir können uns nur noch helfen, wenn wir endlich anfangen zu helfen. Das Gift ist in vielen von uns – Hass, Wut, Angst. Weinen hilft, trauern hilft, lieben hilft. Wir sind sehr krank, wir brauchen dringend Medizin. Helfen hilft. Nicht jeder von uns muss aktiv zum Samariter werden. Es würde reichen, wenn jeder von uns sein Herz öffnet und nur ein bisschen dazu beiträgt mehr Verständnis für diese Menschen aufzubringen. Es würde gut tun, wenn jeder von uns eine Träne für jedes ertrunkene Kind übrig hätte. Ich verstehe die Rassisten – sie handeln in Panik. Ihre Wut richtet sich gegen fremde Menschen. Eigentlich sind sie zu feige sich selber umzubringen, denn das ist ihr Problem. Sie hassen sich selber, dass was ihnen widerfahren ist, wie sie erniedrigt und gequält wurden. Sie können es sich nicht eingestehen, dass sie innerlich verkrüppelt worden sind. Sie sind Opfer, die zu Täter werden. „Sollen sie doch ersaufen – die Bösen!“ Das Gift wirkt. Die Feigheit auch. Hass, Wut, Verzweiflung und Angst. Wie gut es tut andere, böse Flüchtlinge dafür verantwortlich zu machen. Sollen die doch ersaufen, dafür bezahlen – nicht ich!!!

Ich möchte nicht, dass Menschen sinnlos ertrinken. Ich möchte nicht Rassisten beschimpfen. Ich möchte niemanden auffordern Selbstmord zu begehen. Ich wünsche mir Heilung und Trauer. Bin kein Träumer, denn ich weiss wie schwer es ist zu weinen. Wenn man innerlich so verkrüppelt ist kann man nicht lieben.

…noch höre ich die Schreie der sterbenden Menschen. Mein Albtraum sitzt mir noch tief im Nacken. Sie hatten kein Glück. Was soll´s sie waren ja nur Flüchtlinge. Keiner hat sie dazu gezwungen herzukommen – selber Schuld. Und dann nehme ich meine Frau in die Arme. Ich war auch mal ein Flüchtling. Jeder, der andere Menschen abweist ist ein Flüchtling – vor sich selbst. Ich habe mich meiner selbst gestellt und gewonnen. Ich weiss, viele Menschen werden noch ertrinken. Das wird nichts daran ändern, dass Flüchtlinge weiter zu uns kommen werden. Sie müssten nicht ertrinken und wir müssten nicht uns selbst so hassen. Wir müssten nur die Größe besitzen um unsere bittere Medizin zu nehmen. Heilung – das ist das, was unsere Seelen am dringendsten bräuchten. Viele Mitmenschen machen es vor und reichen den ertrinkenden die Hand. Andere ziehen es vor ihnen beim letzten Untertauchen zu helfen. Um ihren Rucksack beneide ich sie nicht. Sie werden teuer bezahlen müssen – irgendwann.

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