Stimmen aus der Tiefe

Vor einigen Jahren…


Ich möchte behaupten, dass ich derzeit zum erstem Mal in meinem Dasein so viel Zeit und Raum habe, mich den Stimmen aus der Tiefe meines Wesens zu widmen.  Über 30 Jahre lang war ich im Bann der diversen Schulen, Studiengängen, Ausbildungen und Arbeitsstellen derart eingebunden, dass kaum Ressourcen für freiwillige Exkurse in die unergründeten, ja sogar oft rätselhaften, Tiefen des Unterbewusstseins möglich waren. Leistung, Stabilität, Erfolg, Belastbarkeit, und unermüdliches Schaffen waren die Attribute meines bisherigen Lebensweg. Immer auf der Suche nach Erkenntnis und Wissen. Meine größte Stärke ist vielleicht sogar meine auffälligste Schwäche; ich kann nie genug  an Eindrücke und Reize haben. Am liebsten würde ich 24 Stunden lang auf Entdeckungsreise sein, immer neue Wege beschreiten, mich von einem Ort zum nächsten planlos verführen lassen, von einem Gebiet zum anderen. Die Folge dieser Eigenschaft ist vorprogrammiert – ich bin müde. Das „ich kriege nie genug“ Syndrom ist mörderisch. In jungen Jahren eher unproblematisch, mit zunehmendem Alter deutlich kräfteraubender, da die Regenerationszeit erheblich umfangreicher ausfällt, wird das Syndrom zum echten Problem. Es geht nicht mehr. Mist, was tun wir denn dann, wie begeben wir diesem Bazillus oder Virus? Ganz einfach – fragen wir doch in der Tiefe des Unterbewusstseins nach. Vielleicht finden wir eine Lösung um weiter zu powern. Es heisst ja, da ist viel Entwicklungspotential – im Unterbewusstsein.


Erster Versuch: Dialog zwischen Bewusst- und Unterbewusstsein B: Hallo, ich bins, wie geht es dir? U: … schweigt B: Hallo da unten, ich bins, will mit dir reden! U: … keine Reaktion B: ungeduldig, gereizt; sag mal, warum antwortest du nicht? Wahrscheinlich gibts dich gar nicht und es ist alles Blödsinn was man über dich hört! U: … noch immer keine Reaktion B: sehr genervt; ich pfeif auf den Mist, falls es dich gibt, dann leck mich – hab was besseres zu tun


Es hat also nicht funktioniert. Frustriert, müde und mies gelaunt gebe ich diesen Versuch auf. Völlig erschöpft versuche ich meine Arbeit zu ordnen, Neuigkeiten im Internet zu recherchieren und an meinem Buch weiter zu lesen. Nichts gelingt mir. Noch schlimmer, Schwindel und Übelkeit breiten sich aus. Jetzt habe ich eine Erklärung; ich werde Krank! Da hilft nur eins, ab ins Bett. Ich rufe in der Klinik an und melde mich krank. Es dauert nicht lange und ich schlafe tief und fest. Im Traum höre ich eine Stimme, sie kommt aus der Tiefe:


U: ich werde mit dir reden und zwar dann, wenn ich es für richtig halte. Ich werde dir zeigen wie schlecht du mit dir umgegangen bist, wie sehr du auf Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeiten in deinem bisherigen Leben geachtet hast. Du wirst verstehen, warum du dich zwischen deinen Höhenflügen immer wieder schlecht, leer und unersättlich fühlst. Ich werde dir die Hand reichen und solltest du diese nicht ergreifen, werde ich dich dazu zwingen. Es wird dir dabei nicht gut gehen, das verspreche ich dir. Den ersten Schritt hast du bereits gemacht, der zweite wird kommen. Du bist ganz am Anfang


Als ich aufwachte, ging es mir hundeelend. Gliederschmerzen, Übelkeit, Schwindel. Das war aber das kleinste Übel. Eine unendliche Last der Sinnlosigkeit meines bisherigen Wirkens erdrückte mich. Ich stellte mein gesamtes Leben in Frage. Ist alles was ich bisher gemacht hatte so sinnlos und falsch gewesen? Und da war sie plötzlich, die Stimme aus der Tiefe. Ich habe selten so eine Wärme und Fürsorge empfunden. Die Geborgenheit in diesem Moment war ähnlich die eines Kindes im Schutze liebevoller Eltern:


U: nein, es geht nicht um richtig oder falsch. Du bist ich und ich bin du. Du weisst vieles was ich nicht kann und ich kann vieles wovon du nichts weisst. Was dir bewusst wird ist nicht mehr unbewusst. Es hilft uns Eins zu werden. Strafe ist der falsche Weg. Gegenseitige Erkenntnis verändert unser Leben. Einigkeit macht uns glücklich und nimmt uns die Angst zu versagen. Daher versuchen wir anderen Angst und Respekt einzujagen. Besser, stärker, hübscher, erfolgreicher zu sein ist dann wichtig, wenn man nicht lieben kann. Wenn man nicht lieben kann, kann man auch keine Liebe empfangen. Du hilfst mir zu verstehen und ich lehre dich zu lieben. Wer mit der Welt im Zwist ist, ist nicht Eins.


Heute, im Hier und Jetzt… Viele viele Begegnungen mit meinem Unterbewusstsein haben mein Leben sehr verändert. Ich kann nicht behaupten absolut Eins zu sein. Auch kann ich nicht versichern glücklicher als damals zu sein. Es ist anders und es ist seit damals viel passiert. Es war oft schmerzhaft und traurig, aber auch lustig und freudig. Was ich aber sicher weiss ist, dass ich viel besser weiss was ich vom Leben erwarte. Ich weiss wo ich hingehöre, wer und was ich bin. Ich achte mehr auf mich und meinen Mitmenschen, bin geduldiger. Ich hoffe diese Klarheit führt mich dorthin, wo ich eben hin soll. Mein „ich kriege nicht genug“ Syndrom ist mir erhalten geblieben. Ich mache mit ihm Kompromisse und so kommen wir ganz gut miteinander klar. Die wichtigste Veränderung seit damals ist eine fundamental einfache. Ich kann zulassen, dass meine Frau, meine Kinder und meine Freunde mich lieben – und zwar nicht deswegen, weil ich so erfolgreich bin, sondern weil ich liebenswerter geworden bin.


U: wir sehen mittlerweile vieles was vielleicht andere nicht sehen. Wir lernen gemeinsam, tauschen uns aus. Wir sind nicht überlegen, oder machen es besser als andere, denn darum geht es nicht. Wir sind kein Vorbild oder beneidenswert und wir haben nicht den Anspruch von jedem geliebt zu werden. Wir reichen die Hand, nicht mehr und nicht weniger. Wir sind noch am Anfang.

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