Therapie ist Beziehung

Als ich heute einen Bericht in der Zeitung über eine Nymphomanin las war ich ziemlich platt. Sie verlor mit 19 ihren ersten Freund der an Krebs starb und seit dem hat sie nie wieder Nähe zugelassen. Sie ist Sexsüchtig, sie bestimmt wo es langgeht, sie holt sich die Männer, meist verheiratete, und zeigt denen was sie will. Sie interessiert sich nicht für sie…

Ich habe den Bericht nicht fertig gelesen. Es ist so langweilig und angeblich hat diese Frau auch noch ein Buch geschrieben. Sie will sich als stark, den Männern ebenbürtig oder auch überlegen darstellen, sie lebt ihre Bedürfnisse aus und schert sich nicht anders zu sein, als die meisten Frauen, blablabla – so langweilig. Diese Dame ist einfach arm, schwer krank und Sterbens langweilig!

Erst vor wenigen Tagen hatte ich ein Gespräch mit einer Physiotherapeutin, die ich beim Shooting kennengelernt habe. Sie erzählte mir, dass sie keine Nachrichten mit den ewigen Katastrophen und Gewalttaten verfolge. Sie erzählte mir von ihrer kleinen Tochter, ihrem Heim und ihrer Mutter. Sie erwähnte, dass es schrecklich sei was so in der Welt passiert, aber sie fände es nicht gut für sie, sich damit ständig zu belasten. Sie wolle die schönen Seiten des Lebens in den Vordergrund stellen. In der kurzen Zeit in der wir miteinander sprachen, hatten wir eine schöne und warmherzige Beziehung – eine glückliche junge Frau (sie) und ein reifer Mann (ich). Wir haben uns ausgetauscht und gegenseitig verstanden. Es entstand eine gesunde Nähe zwischen uns, eine die sich einfach „gut und richtig“ anfühlt. Wir achteten auf unsere Intimität und tauschten Gedanken, Gefühle und Raum aus. Es war so interessant und kurzweilig!

Unsere Art miteinander auszukommen wird durch Beziehungen definiert. Sie sind so unglaublich vielseitig in den unterschiedlichsten Ebenen, was Nähe, Intensität und Art anbelangt. Körperlich, räumlich, seelisch und vielleicht sogar auf einer spirituellen Ebene. Diese Schnittstelle der Beziehung ermöglicht es uns, dass wir uns nach innen und außen spüren können. Eine Nymphomanin oder ein sexsüchtiger Mann ist schlichtweg ein Beziehungsautist, der als Kompensation für die fehlende Herzenswärme, Nähe durch exzessives, stumpfes Herumbumsen sucht. Das gelingt freilich nicht. Daher werden mehr und mehr Umfang und Praktiken gesteigert. Um die Gestörtheit zu rechtfertigen, brüsten sich manche damit „Anders“ als andere zu sein. Ich bleib dabei – es sind und bleiben emotionale Krüppel.

Ausweg
Therapie. Therapie ist Beziehung lernen. Das setzt voraus, dass der/die TherapeutIn Beziehung leben kann. Wie selten das der Fall ist, daran mag ich nicht denken. Ich kenne so viele TherapeutInnen die absolut ihren Beruf verfehlt haben. Darauf achtet kaum jemand bei der Ausbildung. Die Methode zu erlernen ist das eine, die Wirkung der Therapie wird aber von der Beziehungsqualität bestimmt. Ich komme auf die Physiotherapeutin zurück. Sie kann das perfekt. Sie beherrscht die Methode und sie ist in der Lage eine adäquate therapeutische Beziehung aufzubauen. Zweiteres ist die größere Herausforderung – eine junge Frau, die sehr gut Nähe und Distanz in der Beziehungsebene dosieren kann, die ihr Leben glücklich gestaltet, die keine Angst vor Berührung hat und für sich sowohl körperlich als auch seelisch sehr gut sorgt. Das ist wirklich selten der Fall – mag sein, dass das von außen als langweilig wahrgenommen wird. Für mich ist das viel spannender als die sexsüchtige Nymphomanin, die ein Buch schreibt um ihre Einzigartigkeit zu untermauern; furzlangweilig, die gibt es nämlich wie Sand am mehr. Und wer sich nach außerordentlichen Sexpraktiken sehnt, der sollte mal darüber nachdenken, warum diese Sehnsucht nach Erfüllung im eigenen Raum sucht. Vielleicht darum, weil keine wirkliche Erfüllung in der eigenen Beziehungsebene vorhanden ist.

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