Tief Unten

Tief unten, verborgen im Nebel
Tief unten, verborgen im Nebel

 

Prolog

Ein friedlicher Sonntag. In angemessener Geschwindigkeit fahren wir dahin. Es geht runter, denn wir kommen gerade vom Loiblpass. Hinter und fährt ein VW-Bus, im Rückspiegel erspähe ich Vater am Steuer, Mutter daneben und im Rücksitz mindestens zwei Kinder. Ich kenne den Wagen, sie wohnen zwei Straßen von uns entfernt. Sonderkennzeichen, sehr auffällig. Auch das Drängeln ist auffällig. Kaum kommt eine kurze Gerade, schießt der Wagen nach links und überholt uns extrem waghalsig. Eine gefährliche Aktion. Mit einem Affenzahn schneidet der Wagen die kommenden Kurven, die Bremslichter blitzen auf und ich denke mir, mein Gott, hoffentlich geht das gut aus. Kurz vor Klagenfurt stand der VW an der Ampel. Er war nicht schneller als wir. Den Kindern und der Beifahrerin ist Gott sei dank diesmal nichts passiert. Tief unten in mir brodelt der Hass – hoffentlich verreckst du bald, du Arschloch. Was wenn du andere umbringst, dann ist das Geheule und die Reue groß.

Der falsche Weg

Ich weiss, es ist der falsche Weg. Der gestörte Fahrer ist sicher ein Riesenarschloch, daran zweifle ich nicht. Der Hass aus meiner Tiefe hat aber nicht viel mit ihm zu tun. Der kommt aus der Hilf- und Machtlosigkeit gegenüber der hirnlosen Gestörtheit vieler Mitmenschen. Und schon, mit etwas mehr Abstand, merke ich wie schlimm diese Wut in mir ist. Sie frisst mich in manchen Situationen völlig auf. Mordgedanken, Pestwünsche, Unglück, Verreckgedanken – die machen mich, zumindest Gedanklich zum potentiellen Täter. Somit befinde ich mich auf einer ähnlichen Ebene, wie der gestörte Vater, der mit seinem Verhalten nicht nur sich und seine Familie gefährdet, sondern viele andere Menschen auch. Dieser Vater ist wahrscheinlich zutiefst verletzt und machtlos seine Lebenssituation zu meistern. Daher lässt er seine Wut und Enttäuschung beim Autofahren raus. Es gibt so viele verletzte Menschen auf dieser Welt – es gibt so viel Wut – es gibt so viel Unglück. Irgendwie bin ich niedergeschlagen, denn tief unten in mir, gibt es noch einiges zu bereinigen. Ich muss noch viel verbergen, vor mir selbst und vor den anderen auch.

Epilog

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Mach Frieden mit deiner inneren Welt

Freud gehört nicht zu meinen Favoriten. Ich halte ihn mitsamt seiner Tiefenpsychologie für ziemlich gestört. Daher nehme ich jetzt ein Zitat von ihm, nämlich:
Wenn man jemandem alles verziehen hat, ist man mit ihm fertig.“
Hat was, sein Zitat. Unsere Tiefe macht Sinn. Wir brauchen diesen Keller, der viele dunkle Seiten von uns verbirgt. Wir dürfen nicht an unseren Schwächen zerbrechen, sondern müssen an unseren Stärken wachsen. Dafür ist diese Eigenschaft, zu Verbergen und Verdrängen, sicher von Nutzen. Wir können nicht immer und immer wieder an unseren Unzulänglichkeiten verzweifeln. Sie sind da, jeden Tag in den Nachrichten, in den Zeitungen in den Straßen und unserer Welt. Unsere guten Seiten sind aber auch da! Je mehr wir uns selber verzeihen, je mehr wir anderen verzeihen, desto eher werden wir unsere Tiefen erforschen können. Sie werden an Bedrohung und Innhalt abnehmen. Nur am Rande – zu verzeihen ohne zu vergessen, bringt genau gar nichts. Wir werden es nicht erleben, nicht mehr enttäuscht zu werden. Sollte es mal so sein, dann sind wir endgültig mit uns fertig. Nun dann, ran an die Arbeit, hab noch ’ne Menge vor mir 🙂
Es war bislang ein schöner Tag, es soll so bleiben. Ich freue mich sehr, dass nichts schlimmes passiert ist. Ich hoffe der Familie im VW-Bus geht es gut, dass der Vater es bald nicht mehr nötig hat sowas zu machen. Vielleicht ist er doch kein Arschloch.

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