Über den Umgang mit Schmerzen im Sport

Kaum ein Sportler kennt eine Verletzungsfreie Laufbahn. Ganz unabhängig von der Leistungsklasse und der Sportart – es erwischt so ziemlich jeden. Handelt es sich um Akutverletzungen die durch Sportunfälle hervorgerufen wurden, können wir trotz höherem Verletzungsgrad sehr gut damit umgehen. Die Medizin ist unglaublich vorangeschritten und manchmal denke ich, dass es an Wunder angrenzt, was da geleistet wird. Fakten wie Brüche, Risse, etc., das beherrschen wir. Wahrscheinlich auch, weil Ursache und Wirkung für uns fassbar sind – das verstehen wir.

Ganz anders verhält es sich mit den schleichenden Wehwehchens. Sie fangen teils sehr unauffällig an und verschwinden wieder. Manchmal kommen sie wieder – und dann, immer öfters. Bald sind sie hartnäckig und melden sich kontinuierlich, fangen an uns richtig auf den Geist zu gehen. Nicht selten werden diese Schmerzen so aufdringlich, dass wir regelrecht lahmgelegt werden. Der Griff zu Mittelchen, auch zu den sogenannten Analgetikas (Schmerzmittel aller Art) liegt nahe. Das ist der Anfang vom Ende, denn der Weg zur chronischen Schmerzerkrankung ist bereits voll eingeschlagen worden.

Hat man sich, so wie, ich mit chronischen Schmerzpatienten beruflich befasst, dann kennt man die Problematik recht gut. Ebenfalls kennt man die Prävalenzrate bei Sportlern, sie ist sehr Hoch und zwar bei allen Leistungsbereichen. Aus meiner Sicht nimmt die Inzidenz auch gehörig zu, d.h., immer mehr Sportler leiden an chronischen Schmerzerkrankungen. Das hängt nicht unbedingt damit zusammen, dass es einen höheren Populationsanteil an Sportlern gibt. Aus meiner Sicht ist es eher auf die mangelnde Sorgfalt des Trainingsaufbaus zurückzuführen. Beweisen kann ich das nicht – es ist eine Vermutung. In diesem Beitrag werde ich mich weniger mit der Entstehung der Chronifizierung befassen. Das habe ich bereits zu oft getan und es hängt mir zum Halse heraus. Hier möchte ich einen Ansatz über die Motive und die Berechtigung des Schmerzens uns zu Quälen erläutern. Ja, genauso meine ich das, der Schmerz hat Recht – wenn wir das nicht verstehen und einsehen – werden wir ihn nicht loswerden.

Meine Überzeugung lautet: alles was IST, hat seine Berechtigung. Bei Schmerzen ist es so, sie gibt es um uns zu warnen und zu schützen. Tut mir was beim Laufen weh, dann deswegen weil ich etwas falsch mache! Es bekommt meinem Körper nicht, es nimmt Schaden an. Überhöre ich diese Signale, dann werden meine Schmerzen sich verarscht fühlen. Um es deutlicher zu machen, werde ich die Situation in Form eines Dialoges erklären. Der Dialog zwischen meinem Schmerz und mir.

Ich habe heute richtig gute Laune und werde so richtig lospowern, das wird guttun, den ganzen Frust der Woche loswerden. Außerdem muss ich trainieren, will ja Bestzeit am Zehner schaffen und einen Sauberen Herbstmarathon hinlegen. Wetter passt auch – ja das macht Laune. Den Trainingsplan vom Internet schaff ich schon, wäre schon super so um 3:30 zu laufen. Könnte vielleicht auch in meiner Altersklasse bei einigen kleinen lokalen Wettkämpfen punkten. Schon geil aufs Podest zu kommen. Mist, jetzt fängt schon wieder das Ziehen an der Fußferse an. Hoffentlich kommt die Achillessehne heute nicht dazu. Nein ist das blöd.
Hallo, ich bin es! Merkst du den nicht was los ist? Das was du gerade da machst ist zuviel. Ich weiss nicht warum du das machst, aber das geht schief. Bitte höre damit auf oder mach es anders. So jedenfalls ist das nicht gut für dich!
Mist, Mist, Mist. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Jetzt tut das so richtig weh. Egal ich mach da weiter, das wird schon vergehen. Warum hab ich diese Scheissschmerzen, das gibt´s doch nicht. Morgen ziehe ich mir Schmerzmittel rein. So eine blöde Reizung. Ich will die Schmerzen loswerden.
Aha, der Knallkopf kapiert es nicht, der will mich loswerden? na warte – dir zeige ich es
Ahhh!!! jetzt wird’s aber brutal, bist du wahnsinnig tut das weh. OK, morgen gehe ich zum Arzt und lass mich mal Durchchecken. Der soll mir helfen und die Schmerzen heilen.
Aber logisch – heilen sagt der Trottel, mich loswerden sagt der Trottel. Warum versteht er nicht? Es geht nicht darum mich weg zu machen, es geht darum was anders zu machen. Ich will doch ihm helfen, dass er keinen Schaden davon trägt. Deswegen gibt es mich und das ist meine Aufgabe.

Hier breche ich den Dialog ab. Ich überlasse die weitere Entwicklung dieser Konfliktsituation der Phantasie des Lesers. Aus meiner Erfahrung kann ich berichten, dass sehr viele Sportler nicht auf ihren Schmerz gehört haben. Narzisstische Menschen sind gar nicht in der Lage die Zusammenhänge zu verstehen. Sie kämpfen bis zum bitteren Ende. Die Bilder humpelnder und gequälter Läufer kennt jeder. Mit schmerzverzerrtem Gesicht und Tränen in den Augen glauben sie an Heldentaten und besonderer Stärke, wenn sie den Schmerz überwunden und besiegt haben. Sie werden und sie haben es nie verstanden – sie alle haben den Kampf bereits verloren. Bestenfalls gelingt es dem Sportler eine kompetente Beratung zu bekommen. Sind bereits Organe durch eine Überbelastung oder einer Fehlbelastung geschädigt, dann sieht die Prognose für die Sportlerzukunft nicht gerade rosig aus. Wurden die Schmerzen über Wochen oder gar Monate oder Jahre mit Medikamenten unterdrückt, dann ist wirklich viel zerstört worden. Nicht selten wird zusätzlich operiert, gespritzt usw.. Das hat rein gar nichts  mehr mit Freude und Spass zu tun. Das ist ganz einfach krank und sehr schlecht für den Sport.

Ich möchte die Interessen der Schmerzen verteidigen. Es sind eure Schmerzen, sie gehören euch ganz alleine. Ihr seid ganz alleine für sie verantwortlich. Hört auf sie, nimmt sie ernst und verbannt sie nicht aus eurem Leben. Werdet Verbündete, lernt sie zu verstehen und um Gottes willen, hört damit auf sie besiegen zu wollen. Diesen Wettkampf verliert ihr 1000%

 

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