Wenn der Schmerz immer wieder zuschlägt

Anregungen für betroffene SportlerInnen

Wenn man über 15 Jahre mit Menschen, die an chronischen Schmerzen gelitten haben, gearbeitet hat, macht man sich so seine Gedanken wo die Ursachen für diese Qualen zu finden sind. Vor Sportlern machen diese nicht halt. Hier meine Erfahrungen und mögliche Auswege.

Wann spricht man von chronischen Schmerzen?

Wenn Schmerzen mehr als drei Monate ein immer wieder kehrender Begleiter sind, spricht man von chronischen Schmerzen. Charakteristisch für den chronischen Schmerz ist, dass er seine Warnfunktion verloren und sich verselbständigt hat. Im Gegensatz zum Akutschmerz, der eine eindeutige Ursache aufweist, wie z.B. eine Muskel-  oder Sehnenverletzung, ist bei den chronischen Schmerzen keine gezielte Zuordnung mehr möglich.

Wie entsteht die Chronifizierung?

 Und dann plötzlich, bei jedem Schritt dieser stechende Schmerz an der Ferse. Was nun? Tapfer sein, den Schmerz ertragen, durchbeißen und hoffen, dass er vergeht? Dem Schmerz nachgeben, das Training vorerst unterbrechen und zum Arzt gehen? Oder einen Tag Trainingspause einlegen, Schonhaltung einnehmen und dann weiter sehen? Ach was, ich powere weiter – wird schon vergehen…

 

Eine erste Empfehlung. Es gibt unzählige Varianten an Gedankengängen, wahrscheinlich so viele wie es Läufer gibt. Doch eines ist gewiss: auch wenn man noch so konsequent sein Ziel verfolgen möchte, jeden Schmerz gilt es ernst zu nehmen. Übergeht man die Warnsignale, wird die Rechnung dafür womöglich sehr hoch ausfallen. Die Gefahr einer Chronifizierung ist sehr groß, denn charakteristisch für den chronischen Schmerz ist, dass er seine Warnfunktion verloren und sich verselbständigt hat. Der Grund dafür sind die Schmerzbahnen, die auch unter dem Begriff Schmerzgedächtnis bekannt sind. Sie bilden sich bei längerem Schmerzgeschehen im Gehirn und Rückenmark und melden uns Schmerzen, ohne dass eine organische Ursache vorliegen muss. Was bedeutet das? Durch das lange Hineinlaufen in den Schmerz entsteht auch eine psychophysiologische Komponente. Die persönliche Wahrnehmung ist sehr auf diesen Schmerz fokussiert, alles dreht sich im Denken und Fühlen um ihn. Ja verstärkt ihn sogar. Diese Annahmen sind durch die Aktivität von den Gehirnarealen nachweisbar.

Was macht die chronischen Schmerzen so problematisch?

Es gibt sehr viele Sportler, die trotz einer Reihe von unterschiedlichen körperlichen Diagnosen und Behandlungen nach wie vor unter starken, immer wiederkehrenden Schmerzen leiden. Als Coach und Schmerztherapeut stellte ich immer wieder sehr typische Denk- und Handlungsmuster bei betroffenen Sportlern fest. Die meisten von ihnen suchen nach einem einzigen Grund für ihr Martyrium. Sie suchen viele Ärzte, Therapeuten und Coaches auf, die endlich DIE URSACHE für die Schmerzen entdecken. Doch den einen einzigen Grund gibt es nicht. Im Laufe der Zeit führen körperliche Fehl- bzw. Schonhaltung, Ermüdung von Muskulatur oder Sehnen, Knochenhautreizungen oder ähnlichen körperlichen Merkmalen sowie die gebildeten Schmerzbahnen und die Frustration zu einer unüberschaubaren Anzahl an Gründen. Der chronische Schmerz ist ein komplexer, psychosomatischer Prozess, sowohl die körperliche als auch die psychosoziale Ebene müssen betrachtet werden.

Was tun?

Kein Grund zur Mutlosigkeit und Verzweiflung: Es war ein langer Weg in den Schmerz hinein, jetzt gilt es den Weg retour anzutreten. Und er ist machbar, verlangt aber viel Geduld. Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Rückkehr ist die Bewusstseinsbildung, dass es sich bei den Schmerzen um eine komplexe und vielschichtige Symptomatik handelt. Der Betroffene kann getrost die verbissene Suche nach dem einen und einzigen Grund beenden. Den Glauben und die Gewissheit zu festigen, dass man dem Schmerz nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern etwas für sich selbst tun kann, ist ein weiterer wesentlicher Schritt in die richtige Richtung.

Die vier Schritte der Schmerzbewältigung

An erster Stelle steht die Arbeit auf der Gedankenebene. Jeder Betroffenen hat mit der Zeit gelernt, dass Laufen gedanklich negativ zu belegen, da er dabei immer wieder Schmerzen verspürt. Um die Bildung der Schmerzbahnen nicht weiter zu verstärken, ist es wichtig diese negativen Gedanken beiseite zu schieben und aktiv durch positive Gedanken zu ersetzten. Das kann jeder üben. Als besonders wichtig sehe ich die Wiederentdeckung der Freude am Sport. Durch die neuen, positiven Gedanken wird der Spaß gefördert und wirkt sich so auf die emotionale Ebene aus. Dabei helfen kann zum Beispiel Musik oder das Laufen mit einem Partner. Man lenkt sich vom Schmerz ab und die alten negativen Schmerzgedanken werden weggesperrt.
Der zweite Schritt wäre damit eingeleitet. Die Gefühlslebene verfügt über eine unmittelbare Auswirkung auf die körperliche Ebene, positive Gefühle wirken sich somit positiv auf das körperliche Wohl aus. Wer diesen Zugang mit professioneller Hilfe starten möchte, dem empfehle ich einen Mental Coach unterstützend zur Rate zu ziehen. Sind diese Hausaufgaben gemacht, steht dem dritten Schritt – der körperlichen Bewegung – nichts im Wege. Dieser Neubeginn bietet sich auch als idealer Start zum Erlernen von einem neuen Laufstil an. Zusätzliche Stabilisierungsübungen zur Stärkung der Haltemuskulatur und das Mobilisieren der Muskelgruppen – all das sind Trainingseinstiegsmöglichkeiten, um schlussendlich gestärkt aus dieser Erfahrung hervorzugehen. Aber auch Maßnahmen, wie neues Schuhwerk und Tapen sollten unterstützend eingesetzt werden.
Letzter Schritt: sich wieder Ziele setzen, mit der Planung der Trainingseinheiten langsam beginnen und nichts übereilen! Aber Achtung, die Wahrscheinlichkeit von Schmerzen ist am Anfang durchaus gegeben und jetzt ist Durchhaltevermögen gefragt. Wichtig ist nicht in die alten Denkmuster und Verhaltensweisen zurückzufallen. Dazu gehören Gedanken wie: was ist jetzt schon wieder los, warum findet keiner DIE Ursache oder ähnliches. Viel wichtiger ist es sich auf die Erfolge zu konzentrieren, diese hervorzuheben und zu würdigen. Nur so kann der Sportler neue Verhaltensweisen aufbauen, die alten Schmerzbahnen werden immer weniger aktiviert und durchlebt. So wäre der vierte und letzte Schritt gesetzt und der alten und zugleich neuen Laufleidenschaft steht nichts mehr im Wege.

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