Wenn die Mauern fallen

Wenn eine Mauer fällt, gewinnen und verlieren wir zugleich. Beides ist gut. Wir verlieren Schutz, wir gewinnen Freiheit. Wir werden verletzbarer, wir werden offener. Wir sehen weiter, werden aber auch sichtbarer. Die Privatsphäre wird von uns so sehr geschätzt. Das ist gut und richtig. Manchmal denke ich, wir übertreiben und leiden bereits an einem manischen Massen-Verfolgungswahn. Diese paranoiden Tendenzen sind erschreckend, denn sie bewirken die Errichtung von Mauern. Schützen wir uns oder haben wir was zu verbergen? Eine Frage, die mich vor gar nicht allzulanger Zeit sehr stark beschäftigt hat. Ich zwang mich zu einem ungewöhnlichem Schritt. Ich öffnete meine Seele und durchleuchtete jeden Winkel hintern den Mauern. Ich suchte nach Beweismaterial, nach Schuld und Unschuld.

Meine kleine Mauer fiel nach und nach. Es ist niemals zu spät. Nun möchte ich euch Mut machen, sofern nicht bereits geschehen, eure Mauern kontrolliert zum Einstürzten zu bringen. So wie ich – werdet ihr verlieren und gewinnen. Ich spüre noch heute die Freiheit und die Erregung des 16 jährigen Jungen in einer fremden Welt bei seinem ersten Kuss. Es machte mich glücklich und nicht ängstlich, als, für einen kurzen Moment, sämtliche Mauern um mich herum fielen. Die Welt hat sich seit damals verändert, die frisch errichteten Mauern sind vielleicht anders gebaut. Damals wurde ich überrascht. Manchmal glaube ich, dass wir unseren ersten Kuss vergessen haben. Wir sind wie ein gelangweiltes altes Ehepaar, dass sich müde und träge mit seinem Schicksal abgefunden hat. Das Feuer in uns ist erloschen. Wir nehmen uns weder die Zeit noch geben uns Mühe uns erneut ineinander zu verlieben. Wir warten das endlich was passiert, vielleicht wie damals vor 25 Jahren der Mauerfall oder der erste Kuss. Hinter unseren Mauern verschanzt hoffen und warten wir, auf das lebendige Leben, verteidigen unsere vermeintliche Sicherheit und versauern im Besitztum voller Güter und Sozialgerechtigkeit.

Bitte lasst euch überraschen, nehmt die Gefahr in Kauf ein Stich ins Herz zu bekommen. Die Deckung zu verlassen erfordert viel Mut. Erwachsen sein bedeutet nicht, dass man an Morbus Stumpfus-Langweilikus bis zum Lebensende in materieller und emotionaler Sicherheit dahinsiechen muss. Es bedeutet nicht man soll total ausflippen und sich wie ein Dauer-Pubertierender verhalten. Das Geheimnis ist sich aus der eigenen Deckung zu begeben um für Überraschungen offen zu werden. Dabei kann es schon mal vorkommen, dass man sich wieder neu verliebt. Am besten immer wieder in die eigene Frau oder Mann. Klar erlebt man dabei auch Scham, Schmerz, Gefahr und Verzweiflung. Es ist so schwer für uns von anderen Menschen abgewiesen zu werden. So sind wir Menschen halt nun mal gebaut. Die Alternative im sicheren Bunker, das Leben im Fernsehen zu verfolgen, erscheint mir eine sehr Schlechte zu sein. Ich bin mir ziemlich sicher, viele von uns tragen diese Sehnsucht und den Hunger nach Lebendigkeit in sich. Wir können uns viele Spielzeuge, Urlaube, Häuser, Autos, Küchen, etc. kaufen um diesen Hunger zu stillen. Kurzfristig wird es was bringen. Wir können ausflippen, alles hinschmeissen und abhauen. Kurzfristig wird es was bringen. Wenn es uns aber gelingt, unsere eigenen inneren Mauern abzubauen, werden wir uns wieder jeden Tag, jede Stunde, jeden Moment überraschen lassen können. Wir werden auch andere überraschen, z.B., mit einem Kuss.

Ein dankbarer Horstl, der sich öffnet und exponiert. Vor einiger Zeit habe ich damit begonnen, viel verloren und viel gewonnen. Eines meiner größten Überraschungen war folgende Erkenntnis zu gewinnen: Mauern schützen mich nicht vor Bosheit, Ungerechtigkeit, Neid und Hass. Im Gegenteil, sie reizen andere eher dazu, mir Schaden zuzufügen. Meine Privatsphäre schütze ich ohne Mauern auch. Möchte ich meine Überzeugungen, mein Glaube und meine Leidenschaft an uns Menschen zu glauben leben, muss ich sämtliche Mauern fallen lassen. Eine gewaltige Herausforderung – eine wunderschöne, wenngleich gewagte Aufgabe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.