Der absolute Dopingfall: Warum immer mehr Sportler*innen im Ausdauersport zu dünn sind

Gibt es auch als Podcast.

Jochen Behle sagte kürzlich:

Relevant wäre in einem Ausdauersport wie dem Langlauf, der so konzipiert ist, „dass die schweren Sportler kaum eine Chance haben“, höchstens der Körperfettanteil. Doch selbst diesen bei jedem Sportler zu messen empfindet Behle als sinnlos. „So ein Vorstoß ist zu einer WM völlig unpassend. Diese Sportlerinnen haben sich nicht verändert, die laufen schon seit Jahren so herum.“

Bei allem Respekt Herr Ex-Bundestrainer Jochen Behle, das ist unerträglich! Für wie blöd hallten sie uns, oder haben sie einfach nicht alle Tassen im Schrank? Natürlich ist der Körperfettanteil extrem wichtig bei der Magersucht, aber nicht nur. Allein das zu bewerten ist nicht genug. Männer und Frauen können einen sehr niedrigen Fettanteil haben und doch nicht abgehungert sein. Zugegeben, gesund ist das auch nicht. Aber das was wir im Ausdauersport zu sehen bekommen ist einfach extrem. Es gibt sehr viel Wissen und Forschung rund um die sogenannte Anorexia athletika.

Wenn Ingrid Landmark Tandrevold von der norwegischen Presse als zu Dick empfunden wird, dann ist das ein Verbrechen. Mit einem BMI von 21,2 ist sie in der Mitte des gesunden Normalbereiches (18,5 – 25). Sie hat mit Sicherheit einen extrem niedrigen Fettanteil und dafür viel Muskulatur. Zu dick oder gar zu fett ist sie mit Sicherheit nicht. In der Biathlon Szene sind die meisten Athletinnen eher kräftig gebaut, zumindest die erfolgreichen. Das hat Gründe, die ich später erläutere.

Schauen wir mal zu den Skilangläuferinnen.

Landsfrau Therese Johaug ist ein reines Muskelpaket. Ihr BMI liegt bei 17,5 und eindeutig unter der Norm. Wenn jetzt Funktionäre behaupten, dass das BMI nicht als Kriterium für Sportler und Sportlerinnen angewandt werden darf, dann stimme ich zu 100% zu. Aber nicht, weil Sportler*innen dabei als zu dünn und mager bewertet werden. Im Gegenteil, es müssten neue Normen, die eher nach Oben bewerten, weil Muskelmasse viel schwerer als Fettgewebe ist. Bei Sportlerinnen sollte eher die untere Grenze bei 20 statt bei 18,5 liegen und man sollte den Fettanteil bewerten. Jede und jeder weiß, wie wichtig ausreichendes Fettgewebe für die Gesundheit ist.

Schauen wir mal bei den Läuferinnen der Mittel- und Langstrecken, wie sieht es da aus und welche Trends werden deutlich.

Jeder liebt sie und jeder ist begeistert von den vielen Rekorden, die sie in Fabelzeiten hinlegt. Ich spreche von Konstanze Klosterhalften.

Mit einem BMI von 15,9 ist sie extrem mager. Sie ist keine Ausnahme in der Szene. Das Einzige was zählt, ist ihre Leistung. Sonst schauen eine ganze Nation und Sportwelt weg. Warum schweigen so viele?

Für mich eine Anregung mal nicht wie bisher nur auf die psychische Komponente zu achten. Das musste ich im Laufe meiner Arbeit in psychiatrischen Einrichtungen sowieso. Ich versuche die Leistungskomponente zu verstehen. Daher frage ich mich:

Warum bringt es was im Ausdauersport so dünn zu sein?

Ich habe mir genauer die Gewichtsverteilung einer normalen Frau um die 30 Jahren angeschaut. Ich habe bewusst mein Fokus auf Frauen gelegt, denn auf 20-30 Frauen mit einer Magersucht, kommt ein betroffener Mann.

Größe: 165; Gewicht: 60kg; BMI: 22,0;

Weitere Parameter:

Körperfettanteil bei Frauen, die nicht im Leistungssport sind, ist zwischen 21 – 33%. Bei Männern ist der Anteil wesentlich geringer (8-20%).

Wie sieht die Verteilung des Gewichtes eines Frauenkörpers ohne Fettgewebe aus. Ich habe hier eine Frau mit leichtem Knochenbau gewählt.

Was mich hier erstaunt ist die Tatsache, dass ohne Fettgewebe hier schon 47 Kg zusammenkommen. Das bedeutet, dass in diesem Beispiel 13Kg Fettgewebe vorhanden sind. Da 65% des Fettes als sogenanntes subkutanes Fett angelagert werden, bleiben weitere 35%, die meistens an inneren Organen angelagert werden. Bei sportlicher Leistung wird zunächst dieses Fett abgebaut. Das ist sinnvoll und gut, denn dieses Fett ist schädlicher als das Subkutane und hat eine untergeordnete Funktion. Das ist der Grund, warum wir beim Abnehmen zunächst äußerlich nichts sehen. Erst wenn ausreichend Organfett abgebaut wird, werden die Subkutane Fett-Depots angezapft.

Dazu habe ich etwas gerechnet. Statt 30 kg Muskulatur reduziert diese Frau ihre Muskeln an Beine, Arme, Schultern, Brust, etc. um 5 Kg. Die Wirkung ist gewaltig. Das soll verdeutlichen, wie schwer die Muskulatur ist. Jetzt ist der Anteil des Körpergewichts ohne Fett nur noch 42 Kg. Menschen mit Anorexie verlieren nicht nur Fettgewebe, sondern auch sehr viel Muskelmasse.

Nun versuche ich zu verstehen, was denn passieren muss, damit eine vergleichbare Frau unter 50 Kg wiegt und im Leistungssport so erfolgreich ist, oder besser gesagt damit sie überhaupt so erfolgreich sein kann. Wo und wie kann eine Sportlerin Gewicht verlieren?

Ich lasse mal die Muskelmasse so wie sie ursprünglich war bei 30Kg und versuche am Fettanteil zu arbeiten. Wie weit kann der Fettanteil reduziert werden, ohne dass es extrem schädlich wird? Bodybilder schaffen es auf 3,4%. Was Sportler und Sportlerinnen schaffen weiß ich nicht, sie reden nicht darüber.  3,4% ist sicher nicht gesund, aber was ist schon gesund im Leistungssport. Also rechne ich meine Sportlerin neu und gebe 1% Organfett und 5% subkutan.

Insgesamt ist die Sportlerin jetzt nur noch 49,4 Kg schwer, hat also 10,6 Kg Fett abgenommen. Mit einem BMI-Wert von 18,2 liegt sie nach wie vor fast im Normalbereicht. Seht ihr, genau deswegen stimmt die BMI-Rechnung nicht für den Leistungssport. Genaugenommen ist diese Sportlerin jetzt magersüchtig, weil ihr Fettanteil viel zu gering ist. Laut BMI ist sie ganz ok. Medizinisch gesehen, kann diese Frau nicht lange so weitermachen. Ihr Körper würde stark geschädigt werden, ihre Nervenbahnen würden kollabieren, ihr Herzkreislauf auch. Ich kann mir nicht gut vorstellen, dass eine körperliche Hochleistung so möglich wäre. Also schraube ich den Fettanteil auf 7% hoch und sehe was dann passiert.

So, jetzt sieht die Sache wieder etwas besser aus. Ich würde mal behaupten, dass sich hier einige Marathonläuferinnen wiederfinden. Nach wie vor glaube ich nicht, dass wir von gesund reden können. Ich glaube die knapp 60% aktive Muskelmasse ganz gut im Verhältnis des Gesamtgewichtes für Leistung sorgen. Jetzt habe ich es endlich ausgesprochen. Es geht darum, möglichst viel Muskulatur mit viel Nahrung und Sauerstoff nachhaltig zu versorgen. Dafür brauchen wir gute Lungen, ein gutes Herzkreislaufsystem, eine gute Leber, usw. Diese Versorgung wiegt aber und muss mitbewegt werden. Um uns fortzubewegen brauchen wir auch eine biomechanische Einrichtung (Skelett, Sehnen, Gelenke, etc.) die auch was wiegt. Jedes einzelne Gramm kostet Energie, die mir meine Leistungsfähigkeit mindert. Daher ist es mehr als logisch, dass im Ausdauerbereich das Streben nach wenig Gewicht die übergeordnete Rolle spielt.

Trotzdem habe ich die Frage nicht beantwortet, wie es sein kann, dass eine 1,74m große Läuferin nur 48 Kg wiegt, wenn eine normale Frau mit 1,65m ohne Fettanteil 47 kg auf die Waage bringt. Wo kann sie Gewicht abbauen, denn Fett alleine reicht nicht aus. Die Antwort ist recht einfach. Es gibt nur noch eine Schraube an der gedreht werden kann.; an der Muskulatur. Muskeln werden aber für die Umsetzung der Leistung gebraucht – wie soll das funktionieren? Hier ist es sehr einfach sämtliche an der Sportart nicht notwendige Muskulatur abzubauen und dadurch ein Haufen an Gewicht zu sparen. Muskeln sind sehr schwer und daher ist diese Maßnahme höchst effektiv.

Schon ist ihr BMI auf 15,1 heruntergepurzelt und ihr Gesamtgewicht von 51,5 auf sagenhafte 45,6 Kg. Das sind Welten im Leistungssport. Eine gute Referenz, um das besser einschätzen zu können ist die Referenzgröße von Watt/Kg. Hier die Rechnung:

Eine gute Läuferin kann dauerhaft ca. 5Watt/Kg Leisten. Wenn sie statt 51,5 Kg nur 45,6 Kg wiegt, kann sie ihre Performance um sagenhafte 13% steigern! Nominal bedeutet es, dass sie jetzt eine Dauerleistung von 5,7Watt/Kg bei gleicher Belastung bringt. Glaubt mir, das sind Welten. Nehmen wir mal eine Leistungsmessung zum besseren Verständnis. Wenn eine Frau mit 45,6 Kg 258 Watt statt 227Watt leistet ist ein den großen Unterschied. Versteht ihr jetzt, warum dieser Abnehme-Wahn so Inn ist? Auf eine Distanz von einigen Kilometer macht das schon sagen wir mal, vielen Sekunden, ja sogar Minuten aus. Überlegt mal was das bedeutet, wenn ich pro km 5-15 Sekunden verliere.

Natürlich gibt es viele weitere Parameter, an denen man arbeiten kann. Das Gewicht ist aber bei Weitem die Größe mit dem gewaltigsten Effekt. Kein Wunder, wenn wir lauter Klappergestelle in den Ausdauerdisziplinen sehen.

Eine letzte Frage will ich noch klären. Warum sind die Biathletinnen mit wenigen Ausnahmen eher kräftig gebaut? Hier zwei Gründe.

Das Gewicht der Waffen darf zwischen 3,5 und 7,5 Kilogramm liegen. Man braucht Kraft, um die Waffe mitzuschleppen, sie zu halten und sie im Rücken während des Laufes zu stabilisieren. Man braucht also viele zusätzliche schwere Muskeln. Dann braucht man auch noch ein starkes Nervenkostüm, weil man unter Stress schießen und treffen muss. Mit ständigem Hungern schafft es kaum jemand ins Ziel zu treffen.

Schlusswort

Ich denke es gehören definierte Regularien für den Schutz der Leistungssportler*innen. Das BMI alleine ist nicht geeignet, um eine Gewichtsregel einzuführen. Es ist wirklich ein sehr heikles Thema hier allen gerecht zu werden. Im Ausdauerbereich sind leichte und kleine Sportler und Sportlerinnen von Natur aus begünstigt, auch dann, wenn sie gleichgut trainiert wie größere Kolleg*innen sind. Das hängt damit zusammen, dass sie im Verhältnis ihre Muskulatur besser versorgen können. Dann gibt es besondere Hebelwirkungen, die aufgrund der Physiologie auch Vorteile bringen und nicht zu vergessen, wer eine starke Psyche hat ist auch im Vorteil. Dann gibt es wieder Sportler*innen, die Verletzungsanfällig sind. Es gibt also keine Gerechtigkeit im Leistungssport. Eines ist aber klar, Doping ist untersagt. Meine Meinung ist, dass extreme Gewichtsreduktion, wie sie derzeit im Ausdauersport betrieben wird, zu 100% als Doping gezählt werden sollte. Was die Gesundheit anbelangt, ist das sicher mindestens so schädlich wie EPO oder Wachstumshormone und Co.

Ich glaube es liegt an uns, den sportbegeisterten Zuschauern, dem bösen Spiel ein Ende zu bereiten. Wenn wir uns weigern diesen Trend mitzumachen, werden Sponsoren, Verbände, Trainer und viele mehr auf die Gesundheit der Sportler*innen besser achten. Es ist schon bezeichnend, dass die Aussage von Peter Schlickenrieder unter dem Radar der Öffentlichkeit bleib, weil die Beteiligten schlichtweg nicht reagierten (außer sein Vorgänger Behle). Wegschauen, immer hübsch wegschauen, koste es was es wolle. Die Show muss weitergehen.

2 Gedanken zu „Der absolute Dopingfall: Warum immer mehr Sportler*innen im Ausdauersport zu dünn sind“

  1. Helmut Schmuck, Österreich

    Was sie nicht messen können, ist die relativ hohe Anzahl von Sportlerinnen, die wegen dieser Gewichtsprobleme niemals auf ein hohes Leistungsniveau kommen, da sie öfter verletzt und krank sind. besonders im Nachwuchsbereich ist das in den Ausdauersportarten so!

    1. Das ist richtig. Auch im Hobbybereich gibt es viele Magersüchtige, die ständig mit ihrer Gesundheit hadern. Das habe ich überall bei nationalen und internationalen Marathons beobachten können, bei denen ich als Fotograf dabei war.

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