Der pomadierte Kärntner

Kärntens Nockberge auch im Winter ein Wanderparadies

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In diese Zeiten ist es extrem wichtig sich viel in der frischen Luft zu bewegen. Gott sei Dank ist es noch erlaubt in die Berge zu gehen, um lange Bergtouren zu machen. Für uns hat sich nicht viel geändert, dann wann immer es möglich ist, sind wir, meist zu zweit, unterwegs. So auch am vergangenen Wochenende. Das Wetter war fantastisch und obwohl wir uns recht früh auf die Beine geschwungen haben, sind doch einige andere Bergbegeisterte auf die gleiche Idee gekommen.

Wir wollten die Hotspots vermeiden. Ich bin kein notorischer Menschenverächter, zumindest nicht dann, wenn sie nicht in großen Horden die Bergwelt belagern. Ich kann mich erinnern, dass wir im Sommer zu einer Wanderung zum Freiberg bei Zellpfarre recht spät aufgerappelt haben. Als wir dort ankamen, war der Parkplatz mit gute 30 Autos vollgestanden. Unter Protest habe ich die Bergtour verweigert. Manchmal ist die Überbevölkerung schon eine unzumutbare Last.

Da wir keine Lust auf Schnee hatten, haben wir uns für die Nockberge entschieden. Die Nockberge sind beliebte Ausflugziele, vor allem an Wochenenden. Meine Traumfrau ist das sehr erfinderisch, wenn es um einsame Routen suchen geht. Sie kennt meine Leidenschaft die Natur mit Horden zu teilen. Also sind wir nach Sankt Lorenzen gefahren, um von dieser Seite auf die Bretthöhe zu gelangen. Den Aufstieg haben wir direkter als den Abstieg gewählt. Insgesamt 16 km mit ca. 1000 Höhenmeter, dass ist moderat.

Als wir in St. Lorenzen ankamen, waren wir tatsächlich noch fast alleine am Parkplatz. Nach ca. 3 km haben wir zwei Paare überholt und am Gipfel war noch ein Paar, dass aber just in dem Moment gegangen ist, als wir antrafen. Wir genossen die fantastische Aussicht, sogar der Dachstein war zu sehen und natürlich auch der Großglockner. Nach gute 20 Minuten wollten wir uns gerade auf den Rückweg machen, als ein irreaufgeregter, pomadierter Kärntner hochgestochen kam. Er war komplett außer Atem und keuchte ganz aufgeregt, wir sollen noch nicht abziehen, weil er ein Foto von sich braucht. Erst dann maß er mit einer überzeugenden selbstbewussten Attitüde die Location. Wie ein aufgeregter Gockel schaute er nach dem rechten Lichteinfluss, der dahinterliegenden Landschaft, der Entfernung des Gipfelkreuzes, um den perfekten Standort für den potentiellen Fotografen zu definieren. Dann instruierte er mich, wie ich das Handy zu halten, worauf ich zu achten und wo ich draufzudrücken habe. Mit einer akribischen Vorsicht wanderte er, mich im Auge behaltend, zu Gipfelkreuz, damit ich ja nicht seine Anweisungen vergewaltigte. Es war soweit – Bauch rein, Brust raus, der Perfekte pomadierte Gockel brachte sich in Positur. Ich drückte zweimal ab. Danach kritisierte er meine Handyhaltung, die er für falsch hielt, weil der Hintergrund nicht richtig abgebildet wurde oder so. Dann wechselte er seine Position, hielt sich lasziv mit einer Hand am Gipfelkreuz fest und kam sich sicher göttlich schön vor. Sein Gesicht wirkte aber nach wie vor verkrampft. Das lag an meiner mangelnden Fähigkeit ihn richtig zur Geltung zu bringen, denn eine unendliche Qual ging aus ihm hervor, sich nicht selbst Fotografieren zu können. Es war sehr spürbar, dass er sich in diesem Moment am liebsten nochmals reproduzieren wollte, damit er sich selbst gerecht werden könnte. Ich bemerkte sein Leiden und ein tiefes Mitgefühl erfasste mich. Der Pomadierte litt Höllenqualen, sein Ego brachte ihm am Rande einer Dekompensation, die mit Sicherheit danach mit großen Mengen an Psychopharmaka behandelt werden müsste. Sein enormes Selbstbewusstsein spiegelte sein winzig kleines Selbstwertgefühl wider. Diese Kombination ist äußerst gefährlich für die seelischen Gesundheit von Betroffenen. Ich wollte wirklich nicht für ein möglichen Suizid verantwortlich gemacht werden, ganz abgesehen von den Auswirkungen auf seine Familie durch Übertragung seiner gekränkten Persönlichkeit in Form von Wutausbrüchen. Also entschied ich mich, den Hilfesuchenden pomadierten Kärntner zu stabilisieren. Ich sagte zu ihm, ich sein ein Fotograf und würde ihn super ablichten, sodass er prima zur Geltung kommen würde. Natürlich hat er mir nicht geglaubt, wie denn auch. Ich glaube ein Bisschen hat es ihn dann doch beruhigt, obwohl er das selbstverständlich nicht zugeben konnte. Wir haben dann schnell unsere sieben Sachen gepackt und haben uns schnell aus dem Staub gemacht. Als er verstohlen auf sein Handy schaute, glaube so ein klitzekleines Lächeln an seinem Gesicht erkannt zu haben. Das hat mich doch sehr beruhigt.

Beim Rückweg ging es mir noch durch den Kopf, ob es eine typische kärntner Eigenschaft ist, oder ob es auch in der restlichen Republik verbreitet ist. Dann vielen mir die vielen Wiener ein… hmmm, zumindest unterscheiden sie sich in einigen Punkten erheblich. Sie sind nicht so fit, sie reden nasaler und affektierter und sie sehen definitiv nicht so gut aus. Ich bin gespannt, wann ich wegen meiner deutschen Kotzbrockenmentalität von Österreich ausgewiesen werde. Ich könnte ja versuchen mich beliebt zu machen, indem ich eidesstattlich erkläre, dass die österreichischen Frauen sehr attraktiv und interessant sind. Schließlich bin ich ja aus diesem Grund hier gelandet.

Prolog

Liebe kärntner Männer. Ich mag euch und nicht alle sind so wie ich es hier dargestellt habe. Ich bitte euch mir meine Worte zu verzeihen, bin ich doch neidisch auf euch und mache mich deshalb lustig, um meine Minderwertigkeitskomplexe zu verarbeiten. Ich weiß, das sollte ich nicht, aber ich bin auch nur ein schwacher Mensch. Ich lebe gerne hier, bin auch sehr dankbar für dieses wunderbare Geschenk. In Wien habe ich mich nicht wohl gefühlt, weil der Dialekt dort auf einer Ebene mit dem sächsischen Dialekt in Deutschland zu vergleichen ist und die Landschaft so ganz und gar nicht passt. Übrigens, mein Vater war aus Dresden, daher bin ich diesbezüglich etwas voreingenommen und selbstverständlich auch vorgeschädigt. Dann verbrachte ich viel Zeit in schäbischen Stuttgart, das gab mir den Rest. Nun bin ich hier bei euch, sozusagen auf Therapie. Deswegen darf man meine Worte nicht so ernst nehmen.

In großer Hochachtung

horstl

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