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Die Selbstermächtigung und der Rentner

Wie schnell doch die Zeit vergeht. Vor nicht all zu langer Zeit stand ich noch mitten im beruflichen Geschehen und jetzt stehe ich unmittelbar vor der Rente. Da ich in Österreich lebe, sollte ich Pension sagen, denn hier ist man Pensionist und nicht Rentner. Ändern wird sich in meinem Alltag wenig, dafür umso mehr finanziell. Also muss ich sehen, wie ich über die Runden komme oder woher ich die fehlende Kohle lukriere.

Wie wird es mit mir weitergehen, welche wünsche und Vorstellungen habe ich in meiner neuen Rolle? Auch hier, so denke ich, wird sich wenig ändern. Dafür habe ich mich in den letzten Jahren deutlich geändert. Der neue Lebensabschnitt ist eine gute Gelegenheit neu zu bilanzieren. Ich möchte die Macht über mein Tun behalten und einiges neu gestalten.

Aktiv bleiben, erst Recht, wenn du glaubst du kannst es nicht mehr
  1. Ich bin gnadenlos ehrlich geworden
    Eines meiner Hauptinteressen war und ist mich und meine Mitmenschen zu beobachten. Jetzt stelle ich fest, dass die Diskrepanz zwischen der Realität und der Vorstellung des Menschen auf körperlicher und geistiger Ebene gewachsen ist. Das merke ich unter anderem daran, dass es ein Tabu ist über den körperlichen Eigenschaften, speziell bei Frauen zu reden. Bei diesem Thema wird man sofort in die Ecke des Sexismus verbannt. Dabei sind die sozialen Medien vollgestopft von Inhalten, die genau diese Ebene wiedergeben. Egal ob es um Sport, Profisport, Ernährung, Freizeit, Mode, Lifestyle, Promis usw. geht. Es sind keine bösen sexistischen Männer, die diese Bilder Posten. Es sind hauptsächlich Influencerinnen, die mit ihren Reizen nach Aufmerksamkeit werben. Was mich absolut betroffen macht, ist das von der Gesellschaft mir als Mann ständig unterstellt wird, dass ich ein sexistisches männliches Arschloch bin. Ich bin ehrlich zu mir und ich bin ebenso ehrlich zu meinen Mitmenschen. Ich finde Frauen die attraktiv sind anziehender als solche die es nicht sind. Deswegen bin ich noch lange nicht ein Schwein, sondern ein ganz normaler Mann. Wer mir unterstellt, ich würde dadurch Frauen abwerten, kann mich am Arsch lecken. Bitte Augen öffnen und diese Welt so sehen wie sie ist. Ich bin ein Mann im fortgeschrittenen Alter und bei Gott kein Adonis, ich stehe zu meinem Körper, bemühe mich fit zu bleiben und investiere viel Zeit einigermaßen ordentlich auszusehen. Es gibt viele Männer, die weitaus attraktiver und anziehender als ich sind. Ich beneide sie nicht, ich gönne es ihnen. Auch nagt es nicht an meinem Selbstwert, weil sie so sind, und es stört mich nicht, wenn sie von anderen Menschen bevorzugt werden! Wenn ich anfange mich mit ihnen zu vergleichen und sogar darunter leide, dann ist es mein Problem. Natürlich werde ich dann mit mir unzufrieden sein, mich selbst abwerten und darunter leiden. Ich kann aber auch anders damit umgehen. Ich kann mich akzeptieren, wie ich bin, mich lieben wie ich bin und auf mich achten. Dann ist es absolut egal, was andere über mich sagen oder denken – es verletzt mich nicht.
    Diese Welt ist voll von verletzten Individuen, die glauben es wird ihnen besser gehen, wenn sie egal wer, wie und was sie sind, gleichermaßen wertgeschätzt werden. Träum ruhig weiter, ändert die Sprache, die Gepflogenheiten, die Gesetzte – es wird euch nicht weiterbringen. Versucht Vergleiche zu unterbinden und sorgt dafür, dass niemand es mehr wagt euch zu benachteiligen. Es wird an der Realität kaum was ändern. Im Gegenteil, es wird eure Situation sogar verschlechtern. Lernt euch lieber selbst zu lieben, zu Akzeptiren wie ihr seid und wenn ihr das nicht könnt, dann ändert euch. Verlangt nicht von den anderen, dass sie euch das geben, was ihr selbst nicht im Stande seid zu leisten.
    Wie? Ich verrate euch was. Ich bin ein unheilbar kranker Pensionist, der systematisch mit hochgiftigen Medikamenten behandelt wird, der schmerzen ertragen muss, der die Nebenwirkungen körperlich und psychisch gewaltig zu spüren bekommt und der von ständiger Erschöpfung und Müdigkeit geplagt wird. Das ist meine Alltagsrealität. Anstatt zu jammern, versuche ich mich aufzurappeln, mein Leben sinnvoll zu gestalten und mich nicht gehen zu lassen. Ich tue es, weil ich es mir Wert bin. Es ist hart und megaanstrengend, aber auch erfüllend. Ich kann meine Frau und meine Engsten weiterhin leidenschaftlich lieben, weil ich mich selbst liebe. Die Umstände meines Schicksals sind nicht gerade rosig und doch möchte ich mit niemanden tauschen. Sei gnadenlos ehrlich, mach dir nichts vor und übernehme die Verantwortung für das was und wie du bist. Hör auf die Schuld anderen in die Schuhe zu schieben.
  2. Ich versuche wieder gerechter zu werden
    Das ist meine große Herausforderung. Meistens verurteile ich Menschen für ihr Verhalten, wenn sie sich narzisstisch und selbstzentriert verhalten. Leider auch dann, wenn sie sich was vormachen, sich selbst belügen. Ich mag viele Eigenschaften von Menschen nicht, die ich als Schwäche bezeichne. Laute, schreiende und fordernde Menschen machen mich aggressiv, auch solche, die mit ihren Wesen und überdimensionalen Körpern großen Raum für sich beanspruchen. Ich mag sehr viele menschliche Eigenschaften nicht. Eigentlich hat meine Frau wohl recht, wenn sie mir vorwirft, dass ich eher zu der Kategorie „Menschenhasser“ gehöre. Vielleicht neige ich auch zur Verallgemeinerung. Dabei mag ich Menschen aller Kulturen Rassen, und Gesinnungen. Für mich sind nicht die Grundeigenschaften, die Persönlichkeiten oder das äußere Erscheinungsbild für meine Wertschätzung maßgeblich, sondern die Bereitschaft eines Jeden etwas für sich zu tun. Spüre ich bei Menschen diesen Willen, diese innere Energie, die sie lebendig und aktiv werden lässt, dann mag ich sie. Zugegeben, dass sind die wenigsten Menschen. Also werde ich versuchen allen gegenüber gerechter zu werden. Ich sehe ein, dass ich geduldiger und aufgeschlossener werden muss. Es war mal besser, denn in den letzten Jahren bin ich deutlich härter gegenüber solchen Menschen geworden. Ich verurteile sie, empfinde sie als handlungsunfähig, schwach und willenlos. Ich möchte diese Menschen am liebsten schütten und in den Arsch treten. Das das nicht funktioniert ist selbstredend. Vielleicht sollte ich mich einfach damit abfinden und von ihnen nichts erwarten. Etwas mehr Gelassenheit ohne gleichgültig zu werden wäre auch eine Option.
  3. Ich bin kaum kränkbar geworden
    Das ist zu einer meiner größten Stärken geworden. Ich denke das hängt zum Einen mit meiner Erkrankung, aber auch mit meiner Entwicklung zusammen. Ich habe das große Glück von meiner Traumfrau so sehr geliebt zu werden. Rückblickend kann ich mit absoluter Sicherheit behaupten, dass dieser Umstand zur gewaltigen Stärkung meines Selbstwertes geführt hat. Sie hat mir die Augen geöffnet, das geschafft, was sonst nichts in meinem Leben bewirken konnte. Sie liebt mich, weil ich so bin wie ich bin. Ich habe es geschafft mich ihr gegenüber vollständig zu zeigen, keine Geheimnisse zu verbergen, alle Sorgen und Ängste zu offenbaren und ihr vollkommen zu Vertrauen. Dieses Öffnen, das mich nackt, schwach und verletzlich gezeigt hat, wurde von ihr mit Liebe belohnt. Sie hat es mir ermöglicht in den Spiegel zu schauen und dabei mich zu erkennen. Aus dem kränkbaren Mann ist ein dankbarer Mann geworden. Die Angst, nicht den eigenen und fremden Vorstellungen gerecht zu werden, ist der Gewissheit gewichen, dass es im Leben nicht darum geht etwas zu sein, sondern im Rahmen der eigenen Möglichkeiten ein guter Mensch zu werden. Dazu bedarf es nicht nur mutig zu sein, sondern sich auch anzustrengen. Liebe empfinden und Liebe schenken sind der Preis dafür – und es lohnt sich sehr dafür zu kämpfen.

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