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Die Zerrissenheit der Seele, die Spaltung der eigenen Gesellschaft und der Krieg als letzte Rettung

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Dein größter Feind ist nicht weit weg. Er sitzt dir direkt gegenüber.

Konflikte sind ein unbeliebtes Thema. In meinen Seminaren komme ich damit kaum an. Viel lieber beschäftigen sich Menschen mit Persönlichkeitsentwicklung, allerlei Skills und sonstigen positiv behafteten Inhalten. Es soll sie weiterbringen, kompetenter machen. Konflikte werden am ehesten als Konfliktbewältigungsstrategien vermittelbar. Wenn es aber darum geht, eigene Konflikte anzugehen, ist die Flucht davor die meistgewählte Bewältigungsstrategie. Dabei ist jeder Konflikt in der tiefsten, ersten Instanz ein intrinsischer, also ein innerer Konflikt. Er soll uns psychisch und physisch schützen, unsere körperliche und Seelische Integrität sicherstellen. Das Problem ist, dass wir sehr schlecht mit inneren Konflikten umgehen können und daher vermeiden wir diese wie der Teufel das Weihwasser. Die intrinsische Konfliktpower bleibt uns aber erhalten und lässt sich nicht einfach so ignorieren. Im Gegenteil sie wirkt verstärkend auf uns ein, puscht uns mit unermüdlicher Gewalt etwas zu unternehmen. Wir werden gezwungen zu handeln – und gerade hier entstehen den größten Problemen für uns, für unsere Mitmenschen und für unsere diversen Gesellschaften.

Unreflektierte und unbewältigte innere Konfliktsituationen haben mehrere unangemessene Folgen im menschlichen Verhalten. Wer der inneren Zerrissenheit seiner Seele aus dem Weg geht, neigt dazu Schuldige dafür verantwortlich zu machen. Der intrinsische Konflikt wir externalisiert. Das System ist schuld an meinem Leid, meine Frau ist schuld, die Kinder sind schuld, die Lehrer sind schuld, mein Arbeitgeber ist schuld, die Russen sind schuld, die Amerikaner sind schuld, die Politiker sind schuld, etc. Bitte nicht falsch verstehen. Das heißt nicht, dass ich behaupte es gäbe keine Schuld. Was ich verdeutlichen möchte ist, dass wir uns schnell aus der Eigenverantwortung der eigenen inneren Konfliktsituation begeben. Dadurch werden wir extrem emotional, handeln und argumentieren extrem irrational und anstatt innere und externe Konflikte zu lösen, spalten wir unsere Gesellschaft mit unseren zerrissenen Seelen. Zusammenfassend: Wir sind innerlich zerstritten, verlagern den Streit nach außen und lenken davon ab, dass wir eigentlich mit uns selbst ein Problem haben. Dadurch provozieren wir Streit mit unseren Mitmenschen und ziehen alle möglichen Register, um Recht zu bekommen. Wir üben Druck auf andere etwas zu ändern, etwas zu tun, damit es uns besser geht. Dabei geht es nicht um die anderen – es geht um meine Unfähigkeit, interne Konflikte zu bewältigen.

Betrachtet man eine Gesellschaft oder eine Nation als Einheit, dann kann die Zerstrittenheit der einzelnen Individuen ebenfalls als eine intrinsische Zerrissenheit der nationalen Seele bezeichnet werden. Das ist das, was ich mit großer Sorge gerade beobachte. Innerhalb der Gesellschaften eskaliert der Streit zu einer irrationalen, emotional geführten Streitkultur. Es gibt kaum ein Thema, worüber nicht erbittert gestritten wird, und zwar so lange, bis eine neue Thematik für Empörung sorgt. Es gibt keinen Konsens, keine sachliche Übereinstimmung und Versöhnung, kein gegenseitiges Verständnis mehr. Die tiefen Gräben häufen sich. Wir reden nicht mehr miteinander, wir streiten. Unsere Gesellschaften sind in sich verstritten, wir verlieren unsere gemeinsame Identität. Um diese wieder zu erlangen, suchen wir externe Schuldige. Wer ist für unsere Misere verantwortlich, wir selbst? Nein, natürlich nicht! Es sind die bösen, die unsere Kultur bedrohen. Wir sind die Guten, der Rest sind die Bösen. So verschaffen wir uns eine gesellschaftliche Konsolidierung, wir sind wieder wir – wie schön – wir haben wieder ein Feindbild und werden in den Krieg ziehen, um uns zu verteidigen.

 

Eigenverantwortung, ein Strohhalm an dem man sich festhalten kann.

Bevor ich jemanden beschuldige, oder von jemanden etwas fordere, weil ich mich bedroht fühle, halte ich inne. Ich hinterfrage mich, was mich zum Handeln antreibt. Oft sind es meine Überzeugungen, oder meine eigenen Interessen, die mich motivieren. Oft vertrete ich eigene Überzeugungen, ohne ausreichendes Fach- und Hintergrundwissen dafür zu haben. Das bedeutet, ich muss mich besser informieren oder sogar weiterbilden; nicht um besser gewappnet zu sein, sondern um mir gegenüber gerechter zu werden. Wenn ich dann das Gefühl habe, ich bin mit mir im Reinen und ich muss etwas nach Außen bewirken, dann habe ich einiges, aber noch nicht genug getan.
Demgegenüber betrachte ich das System oder die Personen, die ich in diese Konfliktsituation einbringe. Wenn ich Fairness und Respekt von anderen Parteien einfordere, dann sollte ich das ebenfalls bei mir befolgen. Das geschieht sicher dann nicht, wenn ich mich in eine hochemotionalen, schuldzuweisenden Ebene bewege, also nur dann, wenn ich mit mir NICHT im Reinen bin. Respekt bedeutet aktiv zuhören und wahrnehmen! Nur so wird ein möglicher Konsens zustande kommen.

Eigenverantwortung bedeutet aber auch, dass wenn es nicht möglich ist einen Konsens zu erzielen, die Konsequenzen dafür zu tragen sind. Viel zu schnell wird die Schuld auf andere abgewälzt. Dabei geht es in Konflikten sehr selten um Schuld. Es geht um Lösungen und Veränderungen. Oft bedeutet es auch, dass ich Mut brauche, um Handlungen umzusetzen. Konflikte zu vermeiden, ist ganz selten eine gute Lösung.

Wenn meine Überzeugung oder meine Forderung trotz Auseinandersetzung nicht erfüllt wird, dann ist nicht die Gegenseite schuld, sondern es liegt an mir zu entscheiden, was ich als nächstes tue. Hier sehe ich große persönliche Defizite bei den Menschen.

Die Welt ist nicht entweder oder. Es gibt nicht nur gute und böse Nationen. Meine Meinung ist nicht die einzig richtige, es gibt nicht nur mich. Mir persönlich tut es sehr weh – die Ichbezogenheit breitet sich wie eine Seuche unter uns aus. Menschen entwickeln sich zunehmend zu unselbstständigen, innerlich zerrissenen Individuen. Es geht ihnen nicht gut dabei, sie verletzen sich gegenseitig, anstatt sich zu unterstützen. Sie werden verbitterter und einsamer. Der Krieg wird sie nicht retten. Der Krieg wird uns alle nicht retten. Wir brauchen den inneren Frieden. Dazu müssen wir aufhören mit dem Finger auf andere zeigen. Es ist niemals zu spät, auch wenn es schon längst zu spät ist.

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