Konflikte Teil 2: Intra- oder Interpersonaler Konflikt

Konflikte sollten wir lieben lernen

Konfliktarten verstehen heisst handeln können

Im ersten Beitrag habe ich die Beteiligung an Konflikten erörtert, also wer ist primär am Konflikt beteiligt. Dabei haben wir festgestellt, dass Beteiligte oft weitere Menschen in den Konflikt hineinziehen, um sich Unterstützung für ihre Position zu sichern. Bevor wir uns heute der Frage widmen, ob der Konflikt innerseelisch oder tatsächlich zwischen zwei Parteien mit unterschiedlichen Anliegen stattfindet, möchte ich noch eine weitere Anmerkung zu der Beteiligung loswerden.

Typische Konfliktkonstellation

Oft findet man eine typische Konstellation bei der Beteiligung von Konflikten, nämlich eine Übertragung des Konfliktes zu einer anderen Person. Der Ursprungskonflikt wird zu eine bis dahin unbeteiligte Person oder Personengruppe von einer Parteiseite verlagert. Dabei wird der eigentliche direkte Gegner gemieden, übergangen oder ignoriert. Hier möchte ich darauf hinweisen, dass Menschen, die so handeln, ganz bestimmte Persönlichkeitseigenschaften aufweisen. Sie neigen dazu durch eine Spaltung, Zerstörung anzurichten und sinnen auf Rache. Diese Verschiebung der Beteiligung auf andere Menschen oder Gruppen ist nicht darauf ausgerichtet eine Konfliktlösung zu bestreben, sondern nur den eigentlichen Konfliktgegner zu bekämpfen. Wie kann man das verhindern? Es gibt nur eine erfolgversprechende Möglichkeit, nämlich, dass die potentiellen Hinzugezogenen die Beteiligung am Konflikt verweigern. Leider passiert das ganz selten. Meistens funktioniert diese Rache-Inszenierung sehr effektiv. Konflikte werden in diesen Fällen als Mittel der Zerstörung oder Abwertung missbraucht. Ich glaube, dass das ein häufiger Grund ist, warum wir Angst vor Konflikten bekommen, sie negativ attribuieren und sie deswegen vermeiden wollen. Wir wollen nicht vorgeführt werden, wir haben große Angst vor anderen Menschen schlecht gemacht oder beschuldigt zu werden. Wie heißt es so schön, im wahrsten Sinne des Wortes; Rufmord. Einmal öffentlich gestreut, mit emotionalen Argumenten garniert und schon müssen wir fürchten von der Außenwelt verurteil zu werden. Eine üble Eigenschaft solcher Menschen. Borderliner sind Weltmeister solcher Praktiken – sehr hinterhältig, aber wirkungsvoll. Narzissten beschimpfen und Beschuldigen einerseits ihre Opfer direkt und beteiligen alle möglichen Komplizen am Streit. Nur wenn sie sich dem Konfliktpartner unterlegen fühlen, meiden sie ebenfalls die direkte Auseinandersetzung.

Konfliktarten

Zurück zur Fragestellung der Konfliktart. Ist ein Konflikt intrapersonal, also ein innerer Konflikt, oder ist es ein Konflikt zwischen Parteien, bei dem es um unterschiedliche Auffassungen ein Ziel zu erreichen geht?

Fangen wir mit dem inneren Konflikt an. Wertvolle Ansätze zum Verständnis von inneren Konflikten wurden sehr früh, z.B. durch die deutsch-amerikanische Tiefenpsychologin Karen Horney (*1885 †1952), beschrieben.  Ihr Spätwerk; Tyranny oft the Should beschreibt den inneren Konflikt, der die eigens gestellten Anforderungen und der Nichterfüllung zu großem Leiden führt. Horney gilt als eine der wichtigsten Psychoanalytikerinnen und Vertreterinnen der Neopsychonanlyse. Ihre Werke sind vielseitig und beschäftigen sich mit Angst, Angst und Feindseligkeit, Wettbewerb und seine Folgen, Selbsthass und Selbstverachtung, Sadismus und Masochismus. Sie war eine außergewöhnliche Frau, die sich mit ihrem weltberühmten Buch: New Ways of Psychonanalysis 1938 von Freud endgültig abwandte.

Ich erwähne Horny im Zusammenhang mit inneren Konflikten, weil sie durch ihre Arbeit systematisch das Wesen des intrapersonalen Konfliktes passend formuliert hat. Es bereitet uns einerseits Leid, aber beinhaltet auch die Aufforderung etwas für uns zu tun. Das ist das entscheidende, die Quintessenz des Konfliktes auf allen Ebenen. Konflikte sind der Treiber für die explizite Aufforderung etwas zu verändern. Im besten Fall sollte dadurch eine Verbesserung des Istzustandes erfolgen und genau das, sollten wir durch Konflikte auch erreichen. Da aber Konflikte von vielen Personen missbraucht werden, birgt das die Gefahr, dass wir öffentlich diskreditiert, beschuldigt oder abgewertet werden. Daher meiden wir Konflikte oft; ängstliche und unsichere, mehr als selbstsichere und mutige Menschen.

Menschen mit ungelösten, traumatischen inneren Konflikten haben es nicht leicht diese zu managen. Sie geraten durch äußere Konflikte sehr schnell in eine nichtverarbeitete Dynamik, werden also quasi an den traumatischen Erlebnissen neu erinnert. Bei auftretenden Konflikten erleben sie diese Situation immer und immer wieder. Oft inszenieren sie sogar bewusst oder unbewusst Konfliktsituationen und verhalten sich im Verlauf der Auseinandersetzung nicht adäquat, sondern sehr heftig. Sie können auch nicht zwischen ihr Trauma und dem aktuellen Konflikt unterscheiden. Daher werden schwere Geschütze aufgestellt, oft Argumente und Beweise aufgezählt, die nicht den Tatsachen entsprechen. Der Konfliktgegenstand wird extrem dramatisiert und nicht selten führt dieses Verhalten zu einer unkontrollierbaren Eskalation. Deutliche Hinweise einer Konfliktinzenierung erkennt man daran, dass diese Personen sich extrem aufwerten und der vermeintliche Gegner dafür stark abgewertet wird. Der Spruch, aus einer Mücke eines Elefanten machen, passt ganz gut zu diesen Handlungsweisen. Dieses sich in den Konflikt hineinsteigern begleitet uns nicht   nur im täglich im Beruf, sondern auch im privaten Umfeld.

Fassen wir kurz zusammen

Innere Konflikte wollen uns was mitteilen, nämlich: du solltest was an deiner Situation ändern. Wenn wir dieser Aufforderung nachkommen und diesen Konflikt für uns lösen können, dann ist alles gut, denn der Konflikt ist gelöst und verschwindet. Wenn wir dagegen es nicht schaffen unsere eigenen Konflikte zu bewältigen, dann wirken sie weiter in uns. Mit der Zeit verfestigen sie sich und wir werden durch äußere Einflüsse immer wieder daran erinnert. Daher reinszenieren wir den ungelösten Konflikt immer und immer wieder. Manchmal werden unbeteiligte Menschen in den Konflikt hineingezogen, um den Konflikt eskalieren zu lassen. Das ist die Domäne der Traumaforschung. Dieser Begriff wird aber auch in der Beziehungsforschung gerne verwendet.

Ich möchte auf eine andere Besonderheit des inneren Konfliktes aufmerksam machen, die nicht in die Kategorie der Reinzenierung zugeordnet werden sollte; nämlich die Konfliktübertragung. Dabei werden intrapersonelle Konflikte auf eine interpersonelle Ebene übertragen.

Beispiel: Vater hat einen Konflikt in der Arbeit, weil er sich überfordert fühlt. Er kommt nach Hause und schimpft die Kinder für irgendwelche Fehltritte, die nichts mit seinem eigenen Konflikt zu tun haben.

Hier lohnt es sich darüber nachzudenken, wie manchmal ungerechte Schuldzuweisungen entstehen. Allzu oft steckt eine Konfliktvermeidung aus einem anderen Setting dahinter. In dem Beispiel mit dem Vater, ist der Konflikt im Arbeitsfeld des Vaters entstanden und hat nichts mit der häuslichen Umgebung zu tun. Der Vater versucht sein Konflikt im Familienleben zu bewältigen. Das kann einerseits intrapersonaler oder auch interpersonaler Natur sein.

Interpersonaler Konflikt

Konflikte zwischen Zwei Personen oder Parteien werden als interpersonale Konflikte bezeichnet. Idealerweise bewältigen die Beteiligten den Konflikt, indem sie keine inneren Konflikte in den Lösungsprozess einbringen.  Wenn die Beteiligten weitere Hilfe durch eine Beteiligung anderer Menschen oder Gruppen anstreben, dann nur im Sinne einer Kompetenzerweiterung, um das Problem zufriedenstellend für alle Parteien zu lösen. Eine absolut sinnvolle Beteiligung bei solchen Prozessen, ist sicherlich die Mediation.

Weitere Konfliktunterscheidungen

Eine weitere spezifische Unterscheidungsform ist die Intra- und Intergruppen Konfliktbetrachtung. Das ist ein Kapitel der Sozialpsychologie. Wer sich genauer dafür interessiert, der sollte sich mit den berühmten „Tucking Game“ beschäftigen. Warum? Weil es sich da um eine Spielsimulation handelt, bei der es um zwei Unternehmerinnen geht. Was bei dieser Simulation herauskommt ist, dass wenn eine Kooperation angestrebt wird, es immer vorteilhaft für beide Seiten ist. Wird eine Drohsituation gewählt, gibt es nur Verlierer. Ich glaube, dass diese Erkenntnis auf alle Konfliktformen zutrifft. Konflikte sind sehr wirkungsvolle Phänomene. Wie alle potenten Mittel, können Konflikte zum großen Nutzen verhelfen. In den falschen Händen richten sie Großen Schaden an.

Quelle: M. Deutsch, R. M. Krauss: The effect of threat upon interpersonal bargaining. In: Journal of Abnormal and Social Psychology. 61, 1960, S. 181–189.

Ok, aber wo ordnen wir unsere zwei Beispiele aus der ersten Folge ein? Da ging es doch um zwei Paare, die jeweils ein Dauerkonflikt untereinander austragen. Das werden wir nächstes Mal erfahren – so viel sei jetzt schon verraten. Es wird sehr interessant für das Verständnis von Beziehungen zwischen Partnern. Der Dauerkonflikt in Beziehungen erfüllt einen wichtigen Zweck.

 

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

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