Konflikte Teil1 : Die Beteiligung

Konflikte sollten wir lieben lernen

Diesen Beitrag gibt es auch als Podcast

Teil 1 Die Beteiligung

Eva und Holger sind schon lange ein Paar. Es gab Zeiten, da fand Holger Evas Haare faszinierend. Er mochte die Farbe und vor allem roch er gerne an ihrern Haaren, indem er mit seiner Nase zärtlich an ihrer Kopfhaut rieb. Als sie noch nicht zusammenlebten, freute er sich, wenn er ein Haar von Eva an seinen Kleidern fand. Das ist lange her.
Heute ist er von ihren Haaren genervt. Sie liegen überall in der Wohnung verstreut, im gemeinsamen Bett nerven sie ihn auch. Am schlimmsten ist es im Bad. Es gibt kein Tag, an dem er nicht das Waschbecken von den langen lästigen schwarzen Haaren befreien muss. Das gleiche gilt für die Dusche. Er versteht es nicht, warum zum Teufel kann Eva nicht ihre Haare wegräumen – er hat es ihr bestimmt schon hunderttausendmal gesagt.

Maria und Cecil sind schon lange zusammen. Sie gehen sehr liebevoll miteinander um. Sie haben sich auch in der Arbeitsteilung gut geeinigt, wer was im Haushalt macht. Sie sind ein harmonisches Paar und natürlich streiten sie ab und dann. Es gibt nur einen Punkt, bei dem sie wiederholt recht heftig aneinandergeraten. Cecil lässt ihre schmutzigen Kleider immer am Boden liegen und schließt die Zahnpasta Tube nicht. Maria ist für die Wäsche und das Badezimmerputzen zuständig. Sie versteht Cecil nicht, warum tut sie ihr das an? Alle Bitten und Streitereien haben nichts geholfen, Cecil tut es weiter.

Zwei Szenen aus dem Leben gegriffen, die sich überall auf der Welt abspielen könnten. Wer kennt ähnliche Situationen nicht. Wenn man diese kleinen Geschichten hört, neigt man dazu zu schmunzeln. Nicht weiter tragisch. Wenn man zusammenlebt, sehr eng mit einem anderen Menschen sein Leben verbringt, dann sind solche Konflikte völlig normal. Alles andere wäre ja eine Illusion, eine romantische Wunschvorstellung. Das gibt es nur im Film oder in Kitschromane.

Doch wenden wir uns trotzdem etwas genauer den kleinen Tragödien zu und versuchen sie genauer zu verstehen.

WICHTIG: Um Konflikte und deren Entstehung zu verstehen ist es sehr wichtig DIE zentralen Fragen zu klären. Ich fange mit zwei Fragen an:

Erstens:          Wer ist am Konflikt beteiligt und wer ist betroffen.
Zweitens:       Ist der Konflikt intrapersonal oder interpersonal

Die erste Fragestellung, nämlich zunächst die Klärung der Beteiligung innerhalb einer Konfliktsituation zu erkennen, werde ich genauer in diesem Beitrag erläutern. Der Ursprung oder die Quelle der Entstehung eines Konfliktes wird im nächsten Beitrag folgen.

Wer ist also beteiligt?

In beiden Fällen sind jeweils nur zwei Personen beteiligt. Das ist der einfachste mögliche Fall. Ich habe diese Fälle deswegen gewählt, weil es so einfacher ist Konflikte und deren Eigenschaften zu verstehen. Hier ist die Frage der Beteiligung eindeutig: jeweils zwei Personen. Hätten die Paare noch Kinder, dann wird es schon komplizierter, denn diese könnten durchaus an der Konfliktsituation beteiligt sein. Wie das? Nun, ganz einfach! Die Eltern könnten sie auffordern sie zu unterstützen, oder die Kinder könnten von sich aus für eine Seite Partei ergreifen. Ihr seht, sobald mehr Personen an einem Konflikt beteiligt sind, wird die Situation komplexer. Wir bekommen es mit gruppendynamischen Prozessen zu tun. Die Familientherapie beschäftigt sich damit und weiß wie elementar wichtig es ist, die Frage der Beteiligung exakt zu analysieren. Erst dann, also bei genauer Kenntnis wer am Konflikt beteiligt ist, sollte man versuchen ein Konflikt anzugehen, nicht vorher! Ich gehe hier deswegen so ausführlich auf die Beteiligung ein, weil ich immer wieder eine Beobachtung in Konfliktsituationen gemacht habe. Die eigentlichen Betroffenen versuchen weitere Menschen als Unterstützung für ihre Anliegen zu beteiligen, um ihre Position zu stärken. Was ich hier so salopp sage, hat eine tiefgreifende Erkenntnis zur Folge.

Bei Konflikten neigen wir dazu uns Mitstreiter zu suchen, um unsere Position gegenüber unseren Gegnern zu stärken. Sie sollen für uns Partei ergreifen. Wir versuchen weitere Menschen zu BETEILIGEN!

An dieser Stelle möchte ich den Begriff der Instrumentalisierung einbringen. Wir spielen gerne alle Register, um uns Hilfe für unsere Streitigkeiten zu sichern. Unser Ziel ist es zu gewinnen, Recht zu haben und unsere Interessen durchzusetzen. Leider allzu oft mit einer rechthaberischen Borniertheit, die mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Ich möchte euch auffordern diese Gedanken auf die jetzige Situation rund um COVID anzuwenden. Wir sind alle beteiligt, ob wir wollen oder auch nicht. Die Frage ist, wer versucht uns wie und für welche Zwecke zu instrumentalisieren? Welche Register werden da gezogen, welche Botschaften mit welchen Inhalten werden da von den unterschiedlichsten Stellen gestreut? Wie reagieren wir emotional und rational auf diese Versuche? Lassen wir uns in eine Richtung beeinflussen und hineinziehen, die nicht zu uns passt? Ich denke viel darüber nach und obwohl ich mich sehr lange und intensiv mit Konflikten beschäftige, fühle ich mich durch diese Instrumentalisierung oft überfordert und verunsichert. Dann nehme ich mir Zeit, tausche mich mit Freunden und Familie aus und rede darüber. Das hilft mir mich wieder zu finden und zu spüren.

Aber zurück zu unseren Konfliktbeispielen. Die Frage der Beteiligung hätten wir in dieser ersten Episode geklärt; in beiden Fällen sind jeweils nur zwei Personen beteiligt. Hätten die Paare Kinder, dann wäre es nicht nur fair, sondern sehr klug diese aus dem Streit herauszuhalten! Es bleibt jeder und jedem überlassen, inwiefern es ethisch und moralisch vertretbar ist, andere Menschen als Instrument für die eigenen Zwecke an den eigenen Konflikten zu beteiligen. Auch hier meine Aufforderung über zwei Fragestellungen über die Einbindung weiterer Menschen bei Konflikten nachzudenken:

Erste Frage: Versuche ich Menschen für meine Zwecke bei Konflikten zu beteiligen, warum tue ich das und ist das ok, wenn ich es tue?

Zweite Frage: Lasse ich mich gerne in Konfliktsituationen hineinziehen, warum tue ich das und ist das ok, wenn ich es tue?

Diese Fragen haben was mit „Partei ergreifen“ zu tun. Ich glaube nicht, dass es ein Patentrezept gibt, wie wir damit umzugehen haben. Es ist von Situation zu Situation und von vielen weiteren Umständen abhängig, wie wir damit umgehen sollten. Wenn wir entscheiden uns zu beteiligen, dann sollten wir uns fragen: wie, in welchem Umfang, mit welchen Erwartungen und Konsequenzen.  Es muss zu unserem Wesen, zu unserer Persönlichkeit und zu unseren Möglichkeiten passen. Wenn wir entscheiden uns nicht an fremden Konflikten zu beteiligen, dann sollten wir uns ebenfalls mit den Konsequenzen auseinandersetzten. Eines ist aber todsicher, wir werden es nicht verhindern können, uns mit Konflikten auseinandersetzen zu müssen. Sie gehören zu unserem Leben dazu. Wir haben nur die Wahl zu entscheiden, wie wir mit ihnen dealen. Ich denke, es gibt sehr viele Menschen, die versuchen Konflikte ständig zu vermeiden. Insbesondere habe ich das vermehrt bei Frauen beobachtet. Das ist aber mein ganz persönlicher, subjektiver Eindruck und nicht von mir mit wissenschaftlichen Untersuchungen belegt.

Im nächsten Beitrag werde ich über innere Konflikte, also Konflikte innerhalb der eigenen Person und über Konflikte zwischen unterschiedlichen Personen berichten. Ein nicht ganz einfaches Thema, da es sich überschneidet und nicht ohne Weiteres voneinander trennen lässt. Keine Angst, denn wir haben bereits die Beteiligung an Konflikten geklärt. Das wird uns sehr helfen, Konflikte besser zu verstehen und hoffentlich auch besser zu handeln. Gemeinsam mit Eva, Holger, Maria und Cecil werden wir uns Schritt für Schritt weiter in die Materie hineinbegeben. Vielleicht werden wir es dann schaffen, Konflikte lieben zu lernen.

 

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.