Konflikte Teil3: Beziehungskonflikte

Beziehungen sind kompliziert, vor allem wenn es um Konflikte geht

Was Beziehungskonflikte nicht sind:

Beziehungskonflikte sind immer mit Gefühlen verbunden und entstehen dann, wenn sich eine Person von der anderen missachtet, gedemütigt, unter Druck gesetzt oder nicht verstanden fühlt. Die Beziehung zwischen diesen Personen ist gestört. Es sind immer Konflikte, die die zwischenmenschliche Ebene betreffen, deshalb sind sie nicht systematisch lösbar wie der Sachkonflikt.

Diese Definition habe ich in der Academy of Sports gefunden. Was für ein Schwachsinn. Ein Beziehungskonflikt als Missachtung, Demütigung und gestörtes Verhältnis zweier Personen darzustellen, zeugt einfach von unendlicher IGNORANZ. Konflikte sind ein Teil von uns. Sie begleiten uns lebenslang, Tag für Tag. Nicht der Konflikt ist das Problem, sondern wie wir damit umgehen. Wenn wir von vornherein Konflikte verurteilen, sie als belastend und gestört bewerten, dann machen wir einen großen Fehler. Das gilt für alle Arten von Konflikten.

Suchen wir nach weiteren Definitionen, die vielleicht dem Begriff gerechter werden.

Ein Beziehungskonflikt ist ein Prozess der Auseinandersetzung, der auf unterschiedlichen Interessen von Individuen und sozialen Gruppierungen beruht und in unterschiedlicher Weise institutionalisiert ist und ausgetragen wird.

Diese Definition stammt von Karl Berkel, ein deutscher Psychologe und Theologe, der sich rund um das Thema Konflikte und Lösungsstrategien verdient gemacht hat. Auch er postuliert: „Beziehungskonflikte entstehen, wenn eine Partei die andere verletzt, demütigt, missachtet.“ Mit dem ersten Teil stimme ich mit ihm teilweise überein. Mit der zweiten Deutung dafür, überhaupt nicht! Ich finde es ist ein absolut falscher Ansatz die Entstehung eines Konfliktes unmittelbar mit einer Verletzung, Demütigung und einer Missachtung zu verknüpfen. Die Entstehung eines Konfliktes beruht NUR auf unterschiedliche Auffassungen einer Fragestellung, einer Zielsetzung oder bei der Bewertung eines Ereignisses. Was wir jeweils daraus machen, also wie wir dabei mit uns selbst und mit anderen in den jeweiligen Situationen umgehen, ist was anderes. Der Konflikt ist nicht die Gesamtheit unsers Verhaltens bei einem Prozess der Auseinandersetzung, sondern der Hinweis, dass wir unterschiedlicher Auffassung sind. Daher plädiere ich den Konflikt viel eindeutiger zu definieren, nämlich als Zwiespalt, oder als Zusammenstoß unterschiedlicher Auffassungen.

Warum halte ich diesen Ansatz für so wichtig?

Das hat mehrere Gründe, die ich explizit erläutern werde. In erster Linie geht es mir darum, Konflikte zu lösen und für uns zu nutzen. Dabei ist es nicht zielführend Konflikte zu verurteilen und mit derart negativen Attributen wie Verletzung, Missachtung und Demütigung zu besetzten. Wie gesagt, dass ist häufig eine Folge, die durch Zwiespalt entstanden ist. Daher verbinden wir den Zwiespalt, unterschiedlicher Meinung sein, also eine andere Auffassung haben, sofort mit genau diesen Attributen: Verletzung, Missachtung und Demütigung. Ist das nicht der pure Wahnsinn? Ja, das ist ein absoluter Wahnsinn! Andere Meinung haben, wird gleich mit Leid, Beleidigungen, usw. gleichgesetzt. Was für ein Armutszeugnis. Die Folgen auf solche Zuordnungen sind vielfältig.

Was tun wir also, wenn wir Konflikte derart interpretieren?

  • Wir erleben andere Ansichten und andere Meinungen als bedrohlich.
  • Wir empfinden ein Konflikt als belastend und als ein Angriff auf unsere Person und Integrität.
  • Wir wehren andere Ansichten ab oder wir ziehen uns mit unseren Ansichten zurück.
  • Wir erleben Konfliktsituationen als Kampfsituationen.
  • Wir leiden, werden verletzt, missachtet und gedemütigt.
  • Wir verletzen, demütigen und missachten.
  • Wir gewinnen oder wir verlieren.
  • Wir verlieren beide.

 

Was also schlage ich vor zum besseren Verständnis im Umgang mit Konflikten?

Erstens -> Entkoppeln

Ich denke es ist eminent wichtig den Konflikt per se auf den Auslöser des Zwiespalts oder Zusammenstoßes zu erkennen. Wenn wir diesen Prozess starten, legen wir die Grundsteine für eine erfolgreiche Konfliktlösung. Es geht um Fakten und diese müssen zwingend von dem Rest des Cocktails getrennt werden. Das Zauberwort hier heißt ENTKOPPELN.

Zweitens -> Bewerten

Danach geht es darum, diese Fakten frei von Vorurteilen, Emotionen und Überzeugungen zu bewerten. Ich glaube hier hilft es, den Begriff der Bilanz einzubringen. Wie wichtig ist mir in diesem speziellen Fall meine Meinung, meine Überzeugung .

Drittens -> Strategie für Lösung finden

Wie viel will ich investieren, wie weit gehe ich, wie bringe ich mich ein, mit welchen Mitteln? Ich kann mir sogar Gedanken machen, ob ich Hilfe benötige, um den Konflikt für mich erfolgreich zu lösen.

Viertens -> Konfliktlösung

Das ist der entscheidende Schritt und der geht für alle Beteiligte leider selten gut aus. Es gibt häufig nur Verlierer oder ein Gewinner und Verlierer. Ganz selten gibt es nur Gewinner; und das ist aus meiner Sicht absolut unnötig und inakzeptabel. Die Definitionen von Konflikt und die entsprechenden Attributionen in der Bevölkerung, nämlich Konflikte als negative Phänomene zu erleben, bestärken meine Behauptung. Konflikte werden meistens als bedrohlich und leidbringend verstanden.

Genau das will ich mein Leben lang ändern. Zugegeben, bis jetzt mit wenig Erfolg – aber ich gebe nicht auf.

Wir haben im ersten Beitrag zwei Paare kennengelernt, die jeweils eine Konfliktsituation haben, die sie nicht lösen können. Ihre Konflikte finden in einer intimen, persönlichen Beziehung. Hier möchte ich darauf hinweisen, dass Beziehungskonflikte auf allen Beziehungsebenen stattfinden können. Ich beschränke mich in diesem Beitrag auf ersteren Fall.

Um Beziehungskonflikte besser lösen zu können, macht es Sinn die Beziehung als solche zu erfassen.

Das Abgrenzungsprinzip Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Beziehungskonflikt

Insgesamt gibt es zwei Abgrenzungstypen, die sich folgendermaßen unterscheiden lassen: Grenzen haben in einem System und somit auch in einer Zweierbeziehung einen wichtigen Stellenwert. Zum einen grenzen sich die Partner innerhalb der Paarbeziehung voneinander ab (Innengrenze). Zum anderen grenzt sich das Paar gegenüber anderen Personen ab (Außengrenze). Dabei zeichnen sich solche Grenzen dadurch aus, dass sie klar und durchlässig (gesunde Abgrenzung), starr (fehlende Flexibilität) oder aber diffus (unklar) sein können.

Wie kann man das verstehen? Ich verwende gerne einen kleinen Trick, um Beziehungen besser erfassen zu können. Denken wir an Eva und Holger die eine Beziehung haben. Der Beziehung geben wir einen eigenen Namen, z.B. Goldengel und behandeln Goldengel wie eine dritte Person. Goldengel gibt es nur, weil es Eva und Holger gibt. Daher ist Goldengel kein gemeinsames Kind, wie es etwa ein leibliches Kind wäre. Ich betone das an dieser Stelle, weil oft von Eltern Kinder wie Goldengel wahrgenommen und behandelt werden, was absolut schlecht für Eltern und Kinder ist. Kinder leben ohne Eltern weiter, Goldengel dagegen braucht Eva und Holger zum Überleben. Nicht selten wird Goldengel wir ein leibliches Kind behandelt. Das ist ebenfalls nicht richtig.
Wir haben es demnach mit drei Personen zu tun: Eva, Holger und Goldengel. Die Abgrenzung hilft uns einen möglichen Konflikt zu verstehen.

Der Konflikt mit Evas Haaren

Wir erinnern uns, Holger ist von Evas Haaren, die überall in der Wohnung, besonders im Waschbecken und Bad verstreut sind, sehr genervt. Eva räumt ihre verstreuten Haare nicht weg.

Gehen wir jetzt ganz systematisch vor.

Erstens ->        Konfliktauslöser sind Evas verstreute Haare in der Wohnung

Zweitens->      Forderung nach Änderung stammt von Holger an Eva

Drittens ->       Konflikt entsteht, weil Eva Holgers Forderung nicht erfüllt: es kommt zum Zusammenstoß.

Das ist ein ganz typisches Beispiel eines Beziehungskonfliktes. Auch wenn ich nicht mit vielen gängigen Modellen der Psychologie übereinstimme, erwähne ich die fünf apokalyptischen Reiter von Bas Kast. Nein, nicht weil ich es gut finde, sondern weil ich anhand des Modelles eine andere Sichtweise vorstellen möchte.

  1. Kritik: nicht nur die Handlung, sondern auch die Person wird angegriffen
  2. Verteidigung: Rechtfertigung -> Partner fühlt sich nicht ernst genommen
  3. Verachtung: Zynismus bzw. Sarkasmus -> Abwertung des Partners
  4. Rückzug: Gefühl von Ohnmacht -> kein Ärger oder Verachtung mehr vorhanden
  5. Machtdemonstration: keine Rücksicht mehr auf das Gegenüber ->Entfremdung

Klassisch würde man jetzt Eva und Holgers Konflikt anhand der apokalyptischen Reitern abchecken. Genau das, werde ich nicht tun! Ich will nicht abstreiten, dass diese Punkte bei Beziehungskonflikten nicht zutreffen. Der Ansatz nach den negativen Seiten eines Konfliktes zu suchen, halte ich aber für den falschen, wenn man nach Lösungen sucht. Wendet man das Kast-Modell an, dann ist das ein therapeutische Ansatz, der davon ausgeht, dass die Beziehung stark gestört ist. Das hat aber herzlich wenig mit dem Konflikt zu tu, sondern ist viel tiefgreifender. Hier ist Goldengel schwer erkrankt und brauch dringen Hilfe.

Was schlage ich vor?

Fragen wir Goldengel

Der Konflikt findet zwischen Eva und Holger statt. Natürlich sind beide betroffen. Holger fordert was von Eva und sie tut es nicht. Es gibt da noch Goldengel, der nur in der Form existiert, weil Eva und Holger zusammenleben. Also ist es gut, Goldengel zu fragen, was er davon hält. Vielleicht sagt er einfach, dass er so nicht mehr leben möchte und sowieso wegziehen will. Dann ist der Konflikt um Evas Haare irrelevant, denn eine Trennung steht an. Vielleicht sagt Goldengel, dass er sehr leidet, bei beiden weiterleben will und hofft, dass sie den Konflikt lösen. Eine weitere Möglichkeit ist, dass es Goldengel egal ist und sich nicht vom Konflikt betroffen oder beeinträchtigt fühlt. Diese Informationen sind extrem wertvoll für das Entkoppeln und eine erste Bewertung des Konfliktes.

Die Entkopplung findet dadurch statt, dass die Beziehung von Eva und Holger als eine dritte Person definiert wird. Diese ist zwar betroffen, aber nicht primär beteiligt.

Eine erste Bewertung liefert die Beziehung auch, nämlich im Grad ihrer Betroffenheit durch den Konflikt. Goldengel gibt Holger gegenüber und Eva ein Statement ab, der z.B. folgendermaßen lauten könnte:

  • Ihr seid mir wichtig
  • ich pfeife auf euch und will nicht mehr
  • ich leide und bitte euch das zu lösen
  • es ist mir egal, betrifft mich nicht
  • ich bin ratlos, habe keine Ahnung…

Wenn die Beiden diese erste Hürde genommen haben, können sie sich mit dem Konflikt leichter auseinandersetzten. Sie wissen mittlerweile sehr viel, weil sie einschätzen können welchen Wert ihre Beziehung, also Goldengel, für sie beide hat. Vielleicht verstehen sie Goldengen total unterschiedlich. Dann bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich zu einigen und ein Kompromiss finden, was Goldengel für eine gemeinsame Bedeutung für beide hat. Einer meiner Lieblingssätze lautet: Eine Zweierbeziehung ist nur dann gesund und glücklich, wenn sie von beiden Seiten gleich verstanden und wahrgenommen wird. Ansonsten haben wir es mit einer kranken Beziehung zu tun. Erinnert ihr euch an die Simulation mit der Kooperation von Unternehmerinnen im zweiten Teil. Wenn Parteien miteinander kooperieren, gewinnen alle. Wenn sie es nicht tun und an unterschiedlichen Strängen ziehen, gibt es Verlierer. Goldengel ist das Produkt aus einer Kooperation von Holger und Eva. Wenn beide eine unterschiedliche Vorstellung oder eine Unterschiedliche Erwartungshaltung an Goldengel haben, dann hat das gravierende Konsequenzen zur Folge. Die Beziehung ist nicht stabil, sondern stark belastet und vulnerabel.

Nicht selten erfolgt dann, die Unvereinbarkeit der einzelnen Erwartungshaltungen an die Beziehung. Das wird zum Motor für die Entstehung von Scheinkonflikten auf anderen Ebenen innerhalb oder auch außerhalb der Beziehung. Auch ist eine Verschiebung auf andere Beteiligte oder eine Verlagerung des Konfliktes häufig zu beobachten. Das macht Lösungen der Konflikte innerhalb von Beziehungen so kompliziert. Der Ausgangskonflikt und die Erstbeteiligung sind häufig schwer oder nicht mehr zu erkennen. Mit anderen Worten, es geht dann um alles andere Mögliche und überhaupt nicht mehr um den Ausganskonflikt.

Ihr seht, es ist nicht ganz einfach, aber dafür sehr aufschlussreich den Aspekt der Beziehungsklärung bei Beziehungskonflikten einzuführen. Zugegeben – Beziehungen sind extrem komplizierte und vielseitige Wesen.

Wenden wir es mal direkt bei Eva und Holger an. Holger ist ja unzufrieden, also reden wir mal mit ihm über Goldengel.

Gespräch mit Holger

Hallo Holger, du hast doch gesagt, dass früher Evas Haare für dich so wahnsinnig schön waren, du den Geruch geliebt hast und dich sogar gefreut hast, wenn du an deinen Kleidern welche gefunden hast. Stimmt das?

Holger: ich liebe immer noch ihre Haare, nur nicht, wenn sie überall rumliegen und ich sie immer wegräumen muss. Ich rieche ja auch gerne an Evas Kopf. Damals, als wir noch nicht zusammenlebten, musste ich die Haare nicht wegräumen. Sie waren nicht überall in meiner Wohnung, daher hat es mich nicht gestört, wenn sie rumlagen. Jetzt ist es mir zu viel des Guten. Ich verstehe nicht, warum Eva sie nicht wegräumt. Das kann doch nicht so schwer sein.

Diese erste Frage an Holger sagt viel aus. Er liebt Eva, er liebt ihre Haare und er will die Beziehung mit ihr weiter aufrechterhalten. Er möchte unbedingt Goldengel gemeinsam mit Eva weiter behalten. Er möchte aber auch, dass seine Interessen als Holger von Eva wahrgenommen und respektiert werden.

Gespräch mit Eva

Hallo Eva, du weißt das Holger sich über deine Haare, die überall in der Wohnung verteilt sind, sehr ärgert. Es stört ihn, dass er sie wegräumen muss.

Eva: er muss sie ja nicht wegräumen. Ich habe sie früher auch gelegentlich weggeräumt, aber nicht sofort, wie er es haben will. So habe ich es früher immer gemacht. Er ist da sehr empfindlich. Ich verstehe nicht, warum er sich da so reinsteigert. Ich dachte immer er liebt meine Haare. Ich mache das ja nicht extra, dass meine langen Haare ausfallen, um ihn zu ärgern. Aber ich sehe nicht ein, dass ich mich komplet nach ihm richten muss. Ich würde meine Haare wegräumen, aber dann, wenn ich es für richtig halte.

Spätestens jetzt wird der Konflikt deutlich. Holger und Eva haben unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung. Der Konflikt entsteht nur, weil Holger es nicht erträgt ausgefallene Haare in der Wohnung zu sehen und Eva nicht gewillt ist, ihre Haare sofort wegzuräumen. Diese Konflikte sind bei Paaren sehr häufig, z.B. Wegräumen von Geschirr, Wäsche waschen, Müll runtertragen, etc. Die Lösung dieser Konflikte ist meistens einfach zu lösen, sofern sie nicht derart eskaliert sind, dass sie tiefe Verletzungen verursacht haben, oder stellvertretend für tiefgreifende Beziehungsproblemen stehen. Das ist ebenfalls nicht selten der Fall. Der kleine Konflikt verdeckt die eigentliche Problematik. Das erkennt man sehr einfach, indem man noch mit Goldengel spricht.

Gespräch mit Goldengel / Erstes Szenario

Hallo Goldengel, wie geht es dir mit der Sache um Evas Haaren?

Goldengel: gut nur etwas genervt. Die Beiden lieben und achten sich, dann streiten sie wegen so einem Blödsinn. Ich leide ziemlich darunter, es kann doch nicht so schwer sein sich zu einigen. Sie sind jeder so bei sich und vergessen einfach was sie verbindet, sie vernachlässigen mich!

Was wünscht du dir?

Goldengel: Das sie sich einigen, eine Lösung finden und sich auch daran halten. Es kann doch nicht so schwer sein, aber keiner will nachgeben.

Die Beziehung ist hier in Ordnung. Goldengel hat keine Existenzängste, fühlt sich nach wie vor von beiden Partnern getragen und fordert sie auf, eine Lösung des Konfliktes zu finden.

 

Gespräch mit Goldengel / Zweites Szenario

Hallo Goldengel, wie geht es dir mit der Sache um Evas Haaren?

Goldengel: ich weiß nicht, ich will nicht darüber reden.

Oh, das hört sich nicht gut an. Ist es so schlimm? Du musst nicht darüber reden, wenn es dir nicht danach ist.

Goldengel: ich weiß nicht, vielleicht sollte ich doch darüber reden.

Lass dir Zeit…

Goldengel: die Beiden streiten nur noch. Sie streiten über alle möglichen Sachen, schreien sich an und beschuldigen sich gegenseitig. Es ist alles anders geworden. Ich glaube ich bin schuld daran.

 Oh, das ist ja schlimm für dich.

Goldengel: ja sehr, ich glaube sie können sich nicht mehr über mich einigen, ich schaffe es nicht mehr es Beiden Recht zu machen. Sie überfordern mich, manchmal beschimpfen sie mich auch noch.

An dieser Stelle verlassen wir das Gespräch mit Goldengel. Was sehr deutlich wird ist, dass die Beziehung stark angegriffen ist. Die Haare sind irrelevant, denn das Grundproblem ist ein tiefgreifendes Beziehungsproblem. Es ist offensichtlich, dass es nicht zielführend ist, das Haarproblem zu lösen und alles wird zwischen den beiden wieder gut . Hier geht es um sehr viel mehr, nämlich um echte Probleme, die angegangen werden müssen. Das fällt, aus meinem Verständnis, nicht mehr unter der Kategorie Konflikte. Das geht in Richtung therapeutische Intervention und ist tatsächlich nicht mehr systematisch wie ein Sachkonflikt lösbar.

Wir widmen uns daher Szenario1 und versuchen systematisch den Konflikt zu lösen.

Konfliktlösung

  1. Entkoppeln
    Holger
    stören die herumliegenden Haare von Eva, deswegen muss er sie wegräumen. Er fordert von Eva, dass sie ihre Haare wegräumt. Holger liebt Eva, er will weiter mit ihr zusammen sein, er liebt Evas Haare.
    Eva räumt ihre Haare nicht ständig weg, weil es für sie unwichtig ist; sie stört es nicht. Sie liebt Holger, möchte mit ihm gemeinsam weiterleben. Sie sieht es nicht ein, Holgers übertriebenen Ordnungssinn mitzutragen.
    Mehr steckt im Konflikt nicht dahinter. Jetzt werden wir den Konflikt bewerten
  1. Bewertung
    Was bedeutet der Konflikt für Holger?
    Wenn er zwanghafte Persönlichkeitszüge hat, was hier der Fall zu sein scheint, dann ist es für ihn eine durchaus bedrohliche Situation. Es tut ihm fast körperlich weh, die Haare rumliegen zu sehen. Daher könnte man Holger fragen, wie sehr er sich durch die herumliegenden Haare gestört fühlt; z.B. in einer Skala von 1-10. Antwortet er z.B. mit 8, dann bewertet er seine Situation für sich und für Eva nachvollziehbar. Beide haben so eine klare, gemeinsame Vorstellung der Konfliktintensität, die den Konflikt auslöst.Was bedeutet der Konflikt für Eva?
    Wenn Eva eine rechthaberische Ader hat, sich nicht gerne Dinge aufdiktieren lässt und einen sturen Kopf hat, dann wird sie kaum einsehen, dass sie Holgers Aufforderung nachkommen soll. Sie wird einwerfen, dass das Holgers Problem ist und nicht ihres. Auch hier ist eine für beide nachvollziehbare Bewertung sinnvoll. Inwieweit ist Eva bereit in einer Skala von 1-10, ihre Haare nach Holgers Wunsch wegzuräumen. Sagt sie, z.B. 1, dann wird es für beide schwer sich zu einigen. Sagt sie dagegen 8, dann ist es eher möglich eine Lösung für den Konflikt zu finden.
  2. Lösungsstrategie finden
    In Beziehungen geht es häufig darum, Kompromisse zu finden. Wenn die Bereitschaft von beiden Seiten da ist, dann geht es meistens sehr zügig und unkompliziert weiter. Wenn das nicht zutrifft, dann hilft es Goldengel mit ins Boot zu holen. Ist die Bereitschaft von beiden Seiten vorhanden, dann steht der Erarbeitung einer Lösungsstrategie nichts mehr im Wege. Fragen wie: schaffen wir das gemeinsam oder brauchen wir Rat und Hilfe, wann packen wir es an, wo machen wir das, usw. sind hilfreich ein Plan zu erstellen. Das mag vielleicht übertrieben klingen, ist es aber nicht. Beziehungskonflikte sind wichtig und sollen auch entsprechend gewürdigt werden – sie verdienen es ernst genommen zu werden. Ich denke es ist nicht falsch, wenn man z.B. ein gemeinsames Wochenende in einem schönen Ort plant und sich dort mit einer Lösung des Konfliktes beschäftigt.
  3. Konfliktlösung
    Ich mag den Begriff Vertrag für solche Angelegenheiten ganz gerne. Eva und Holger haben einen gemeinsamen, wertvollen und liebenswerten Begleiter erschaffen. Wen? Richtig, es ist Goldengel. Wenn sie es schaffen über ihren jeweiligen eigenen Schatten zu springen, dann können nur beide profitieren. Der Konflikt erfüllt seinen wichtigsten Zweck – er bringt uns in unserer Entwicklung weiter. Wir wachsen daran und zwar persönlich wie auch in unseren sozialen Kompetenzen.
    Eva und Holger werden einen Kompromiss eingehen. Beide werden etwas nachgeben und ein großes Geschenk dafür erhalten. Goldengel wird beiden viel Liebe, Vertrautheit, Abendteuer, Zärtlichkeit, Sicherheit, Freude und was kaum zu glauben ist, unendliche Freiheit schenken. Das ist seine Art sich zu bedanken.

Es ist mir wichtig meine Gedanken zum Thema Konflikte zu teilen. Ich leide mehr an der Art und Weise wie viele Menschen mit Konflikten umgehen, als an vielen negativen Eigenschaften, die mir ebenfalls das Leben schwer gemacht haben. Ich bin sicher nicht der einzige Mensch, der zu Unrecht in Streitigkeiten hineingezogen, beschuldigt und beschimpft wurde. Manchmal habe ich meine Anteile an den Konflikten gehabt, manchmal auch nicht. Eines ist aber sicher – für alles was mit MIR geschehen ist, trage ich die volle Verantwortung. Für meine Goldengel dagegen, nur die Hälfte. Diese Hälften sind die wertvollsten Hälften in meinem Leben. Was ist also naheliegender, als sie zu unterstützen.

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

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