Leben und Sterben – der Umgang mit Macht und Liebe

Gibt es auch als PODCAST

Liebe ist die beständigste Macht der Welt.
Martin Luther King

Die Kraft eines Riesen zu besitzen ist wunderbar. Sie wie ein Riese zu gebrauchen ist Tyrannei.
William Shakespeare

Schweißgebadet wache ich auf. Ich kenne diese Alpträume zu gut. Ich bin für das Unternehmen verantwortlich, für den Betriebsablauf, für die Mitarbeiter*innen, für die Finanzen, für die Qualität, die Einhaltung der Gesetzte, für das Wachstum, für die Sicherheit und sonst was. Am Anfang des Traumes befand ich mich vor der Jahrtausendwende. Damals noch jung und dynamisch, selbstsicher und bestimmt, mit der Souveränität einer Führungspersönlichkeit mit dem Titel des Managing Directors, hatte ich eine Menge Macht. Ich war mächtig, respektiert und anerkannt. Heute, über 20 Jahre danach sieht meine Realität ganz anders aus. Dazwischen ist viel passiert. Mein Alptraum verdeutlicht mir von Zeit zu Zeit das Geschehene und zwingt mich, mich damit auseinanderzusetzten. Ich werde wieder in meine alte Rolle hineinkatapultiert, muss die Verantwortung wieder übernehmen. Das gemeine ist, dass ich nicht als die junge, dynamische Person von damals dort antrete, sondern als die Person, die ich heute bin. Alles was ich erfahren habe, die unschönen Ereignisse, die dazu geführt haben, dass ich das Unternehmen verlassen habe, lasten auf mich. Ich will nicht mehr diese Rolle, aber ich fühle mich trotzdem verpflichtet zu unterstützen. Die Belegschaft lehnt mich ab, sieht mich kritisch und respektiert mich nicht mehr als Chef. Meine damalige Macht ist nicht mehr vorhanden, ich kämpfe einen aussichtslosen Kampf – ich wache auf.

Was will mir mein Traum sagen? Es geht um Macht, bessergesagt, was Macht mit uns Menschen macht. Es ist unumstritten, dass Macht uns verändert; die Frage ist wie. Darüber gibt es unendlich viele Schriften, Untersuchungen und Forschung. Damit beschäftige ich mich schon sehr lange und intensiv. Es ist kein leichtes Gebiet, weil die erste Frage, die geklärt werden sollte, ist es zu definieren was Macht bedeutet. Daran kann man schon verzweifeln. Ich habe Martin Luther Kings Zitat über Macht auf mich wirken lassen: „Liebe ist die beständigste Macht der Welt.“ Was ist Liebe, was ist Macht? Er verknüpft zwei Begriffe in einer interessanten Art und Weise. Liebe ist die Grundlage, um mit Macht beständig umgehen zu können, eine absolut humanistische Einstellung.

Ganz gegensätzlich ist der Zugang von Niccolò Machiavelli, der Gewalt und Heuchelei predigt. Er stellt die christlichen Werte auf den Kopf, lehnt die humanistischen Tugenden als kontraproduktiv ab und fordert eine eiskalte berechnende Machtausübung. Wer Macht ausüben möchte muss nach dem Prinzip, der Zweck heiligt die Mittel handeln.

Ich glaube diese beiden, so gegensätzlichen, Ansichten definieren die Bandbreite der Wirkung von Macht auf die Veränderung unserer Persönlichkeit.

Ich wende diese Erkenntnis auf meinen Alptraum an. Wie hat mich damals Macht verändert, bin ich eher der humanistischen, oder der machiavellistischen Richtung gefolgt? Die Erkenntnis trifft mich hart. 20% machiavellistisch und 80% humanistisch. Damit habe ich mir selbst geschadet, denn diese 80% haben dazu geführt, dass ich meine Machtposition verloren habe. Das habe ich insgesamt dreimal im Leben erlebt. Das ist die Botschaft meines wiederkehrenden Alptraums. Du bist ein Mensch, der Macht erwerben kann, aber du bist nicht bereit dich so zu verändern, dass du deine Macht beständig erhalten kannst. Du weigerst dich, dich systematisch anzupassen, gegen deinem Gerechtigkeitsempfinden und deiner Überzeugung für die Interessen einzelner Besitzer zu handeln. Dir fehlt die Fähigkeit, dich wie ein Fähnchen im Wind zu deinem Vorteil auszurichten. Du brichst nicht dein Wort, hältst diene Versprechen, stehst zu deinen Überzeugungen und handelst im Sinne deiner Rolle. Ist dann Luther Kings Aussage falsch? Ich glaube nicht, dass sie falsch ist, sondern, dass sie nur unter ganz bestimmten Umständen funktioniert. Würden mir die Unternehmen, die ich geführt habe, gehören, dann wäre meine Rechnung aufgegangen. Daher kommt eine weitere knallharte Erkenntnis zum Machtthema dazu. Wer viel Besitzt, kann es sich aussuchen, wie er Macht ausübt. Ich besaß nichts, also war ich mit meiner humanistischen Ader benachteiligt meine Macht beständig aufrecht zu erhalten. Wer viel besitzt, ist eher in der Lage Macht zu besitzen. Nimmt man ihm sein Besitz weg, bleibt nicht selten wenig Substanz übrig.

Zurück zu meinem Alptraum. Tief in meinem Inneren, wünsche ich mir Besitz, denn dann könnte ich meinem humanistisch geprägten Machtanspruch gerecht werden. Da ich weder Besitz (Reichtum), noch die Fähigkeiten mir Besitz zu erwerben habe, musste ich scheitern. Ich war immer auf den Besitz anderer angewiesen, um Macht auszuüben. Diese Position ist alles andere als sicher. Um dort als Riese zu überleben, musst du wohl deine Macht wie ein Riese gebrauchen und dich oft wie ein Tyrann verhalten. Das gelang mir überhaupt nicht. Meine Werte lassen das nicht zu. Die Erkenntnis quält mich bis heute noch. Ich bin ein Machtmensch, der die Voraussetzungen, um Macht aufrecht zu erhalten nicht erfüllt. Ich liebe es mächtig zu sein, habe aber keinen Rückhalt (Besitz) um meine Leidenschaft nachzukommen. Mein Alptraum fordert mich beständig auf, mit meinem Machtverlust klarzukommen. Nicht nur die Macht ändert den Menschen, der Machtverlust ändert ihn noch extremer. Das gilt nicht nur für die Macht innerhalb einer Gesellschaftsordnung, sondern erst recht in der Selbstermächtigung. Es ist wahrlich sehr schwer bewältigbar, wenn sich der Machtverlust parallel oder gleichzeitig auf vielen Lebensebenen manifestiert. Ich bin überzeugt, dass einer der größten Herausforderungen im Leben mit der Bewältigung dieser Zusammenhänge verbunden ist. Zu leben bedeutet nach Macht und Anerkennung zu streben, dadurch Selbstermächtigung erlangen und sich dabei selbst zu verwirklichen.

Macht

Die wahre Macht: Selbstermächtigung ist der beständige Schlüssel zu lieben

Mein Alptraum verkündet mir in gnadenloser Art, Horst, du bist nicht mit dir im Reinen. Der Schlüssel zur Machtproblematik liegt tatsächlich in der Liebe, eher sogar in der Eigenliebe. Ich arbeite daran. Selbstermächtigung ist der beständige Schlüssel zu lieben. Ist das die wahre Macht? Gelingt mir das, dann kann ich alle Enttäuschungen und Verletzungen bewältigen, allen und mir selbst für unsere Unzulänglichkeiten verzeihen, getrost loslassen und mit dem Wissen ein glückliches und erfülltes Leben bewältigt zu haben in Frieden sterben.

 

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