Mein Opi aus Viña del Mar / Angst ist keine Ausrede für…

Meine Großeltern am Tag meines Geburtstages

Mein Opi war ein sehr korrekter Mann. Er war gütig und gleichzeitig streng. Er war nicht sehr groß, dafür schlank und immer äußerst gepflegt. Ich erinnere mich mit Grausen, an seine Angewohnheit jeden Morgen den Tag mit einer kalten Abreibung mit einem triefendnassen Waschlappen zu beginnen. Er schwor darauf und meinte, dass es der Hygiene und der Gesundheit guttue. Er war da erbarmungslos mit uns, denn natürlich mussten wir uns auch dieser Prozedur unterziehen. Oft wurden wir danach mit langen Wanderung in der Natur belohnt.

Aber warum erinnere ich mich gerade jetzt an ihn? Ich glaube, weil er mir heute eine wichtige Botschaft gesendet hat. Nein, nein, ich glaube nicht an Geister, dafür an Vorbilder. Gerade in der heutigen Zeit brauchen wir Vorbilder mehr denn je. Wir brauchen Orientierung in einer orientierungslosen Zeit. Ich stimme mit vielen Experten überein, dass die Angststörungen während der Pandemie stark zunehmen werden. Ebenfalls werden die Panikattacken viele Menschen regelrecht überfallen.

Als Kind war ich sehr ängstlich. Mein Opi wusste das auch. Er sprach mich niemals darauf an. Meine Großeltern wohnten in einem großen Haus mit vielen Zimmern und Stockwerken. Eigentlich war das mehr eine Mischung aus Villa und Schloss, so kam es mir jedenfalls vor. Ich liebte es in den Ferien dort Zeit zu verbringen. Da nahm ich die morgendlichen kalten Abreibungen gerne in Kauf. Dort empfand ich selten Angst, sondern fühlte mich stets geborgen. Meine Omi war eine starke, selbstbewusste Frau, die immer diese unglaubliche Wärme ausstrahlte. Sie war nahbar, auch körperlich nahbar. Eine Eigenschaft, die wir Enkelkinder durchwegs genossen. Heute weiß ich, dass sie nicht nur selbstbewusst war, sondern auch über einen überdurchschnittlichen Selbstwert verfügte. Außerdem war sie eine Menschenkennerin, der man nichts vormachen konnte. Sie anzulügen war ein großer Fehler, den man nur einmal tat. Hatte ich mal etwas ausgefressen, dann ging ich ihr systematisch aus dem Weg, bis ich mir sicher war, dass mein Gewissen mich nicht verraten würde. Die Kombination vom Haus und meinen Großeltern mit ihren Eigenschaften vermittelte mir das Gefühl der absoluten Geborgenheit. Ich denke, dass der größte Gegner der Angst die Geborgenheit ist.

Wenn ich an meinen Opi denke, der immer an Wochenenden Anzug und Krawatte trug, der jeden Samstag das Ritual hegte, minutiös seine Schuhe putzte – eine Prozedur, der wir Kinder auch kaum entkamen – der trotz Rentner, einen sehr geordneten Tagesablauf pflegte, dann könnte man meinen, er sei ein zwanghafter kranker Mensch gewesen. Das war er bei Gott nicht. Er hatte sein Leben im Griff, wuchs als Halbweise ohne Vater ab dem Jugendalter auf und arbeitete sich vom Lehrling zum Generaldirektor einer großen Textilfirma hoch. Er hatte eine wesentliche Eigenschaft, die ich heute als gesunde Orientierung bezeichne. Dazu gehört eine große Portion an Psychohygiene, an körperlicher Hygiene und mit Sicherheit an Willenskraft. Manchmal denke ich auch, dass Orientierung sehr viel mit Selbstachtung, Selbstdisziplin und eine Portion Fleiß zu tun hat. Genau hier sehe ich oft Defizite in der heutigen Zeit. Ich beobachte schon, dass Menschen sich eher gehen lassen und unachtsam gegenüber sich selbst werden, dafür oft erhöhte Achtsamkeit von anderen Mitmenschen einfordern. Mein Opi hätte niemals etwas von uns gefordert, dass er selbst nicht gelebt hätte. Ich denke, dass wir unsere Vorbilder oder „role models“ wie es so hochtrabend heißt, nicht aus den Influencer beziehen sollten, sondern aus realen Menschen, die wir in der Gänze ihrer Wirkung erfassen können. Influencer machen uns was vor, was sie in der Realität nicht sind. Wie sollen wir uns daran orientieren? Das muss in Angst und Panik enden.

Geborgenheit setzt Orientierung voraus. Orientierung bedeutet, dass wir dafür arbeiten, also Zeit und Mühe investieren müssen. Dazu benötigen wir Disziplin und Willenskraft. Ich denke, dass genau hier die Meisten Menschen scheitern, an der eigenen Unzulänglichkeit oder sagen wir lieber Selbstachtsamkeit. Unsere Welt ist bis vor der Pandemie sehr verwöhnt gewesen. Die Meisten von uns sind behütet aufgewachsen, mussten kaum um ihr Lebensunterhalt kämpfen. Ich verurteile hier nicht, sondern stelle nur fest. Wir haben es nicht nötig gehabt, dass wir uns selbstständig organisieren mussten, ergo haben wir es nicht gelernt. Aber jetzt brauchen wir es und ja, wir müssen nachsitzen und in harter Arbeit das nachholen, was wir versäumt haben. Jede und jeder von uns muss sich im Leben neu organisieren, der Pandemiezeit anpassen. Wenn wir uns weiterhin auf wenige verlassen, die uns das alles abnehmen, werden wir nicht weiterkommen. Die Angst und die Panik werden uns lähmen.

Achtung beginnt bei der Selbstachtung

Ich kehre zu der Botschaft meines Opis zurück. Gute Eigenschaften wie z.B., Charaktereigenschaften und gute Absichten reichen nicht aus, um ein sinnvolles Leben zu führen. Du muss dich auch dafür anstrengen, dein Leben täglich zu gestalten. Alles was dir geschenkt wurde ist wenig wert, wenn du es nicht verwalten kannst.

Heute habe ich einen Anzug und eine Krawatte angezogen, so wie er es immer tat. Es gab kein Grund dazu es zu tun, dachte ich zunächst. Nach einer Weile spürte ich, wie anders es sich anfühlte so herumzulaufen. Mir wurde klar, dass ich viel mehr auf mich achten sollte, vielleicht auch meine Schuhe, meine Kleider, meinen Körper, meine Seele pflegen besser sollte. Ja, das ist anstrengend – aber dringend notwendig. Ich will nicht mehr vor Angst erstarrt darauf warten, dass irgendwo, irgendwer alles wieder gutgemacht. Ich werde mir mit dem gleichen Respekt und der Hochachtung, den ich gegenüber meinen Großeltern begegnet bin, selbst begegnen. Die kalten Abreibungen werde ich mir aber nicht antun. Die morgendliche Dusche ist doch etwas praktischer. Im übertragenen Sinn sind die kalten Abreibungen ein Plan zu haben, den man konsequent verfolgt und umsetzt. Wir müssen lernen uns je nach den herrschenden Bedingungen anzupassen, auf uns acht zu geben und vor Allem, uns selbst gegenüber treu zu bleiben. Ich weiß, wie schwer es ist heutzutage aufrichtige, ehrliche Menschen anzutreffen. Die meisten von uns wurden enttäuscht. Aber ist das ein Grund nicht wenigstens mit sich selbst anzufangen? Mal ehrlich, ich war schon oft von mir enttäuscht. Was habe ich mir alles vorgenommen und nicht realisiert! Mein Opi war und blieb Zeit seines Lebens ein sehr bescheidener Mann, der viel mehr erreicht hat, als er sich vorgestellt hat. Er hat nie gejammert, sondern aktiv jeden einzelnen Tag gestaltet. Ich werde mich bemühen es ihm gleich zu tun.

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