Mutter & Sohn – Eine komplizierte Angelegenheit

Gibt es auch als Podcast

Muttersein ist eine stinknormale Angelegenheit

Sigmund Freud hat das im sogenannten Ödipuskomplex thematisiert. Sein Ansatz war:

„Das unbewusste sexuelle Begehren des männlichen Kindes.“

Er behauptete, dass das ödipale Begehren zum ersten Mal im dritten bis fünften Lebensjahr auftritt. Nach Freud findet sich im Unbewussten der männlichen Kinder ein sexuelles Begehren gegenüber der eigenen Mutter, das aber in der Regel verdrängt wird. Weil das begehrende Kind dementsprechend mit dem Vater um die Gunst der Mutter rivalisiert, will es den Vater unbewusst töten, um seinen Platz einzunehmen.

Lieber Sigmund Freud, ich glaube du liegst da voll daneben! Du hast aus deiner eigenen Problematik auf alle anderen Söhne diese seltsame Beziehungsgestaltung übertragen. Durchaus bedenklich, diese Beziehungsebene zur eigenen Mutter, oder sagen wir mal so – ziemlich gestört der gute Freud. Ganz zu schweigen, wie der Vater dabei abgewertet wird. Ich denke, dass viele sich damit identifiziert haben, weil es für eine hochkomplexe Beziehungsgestaltung eine Erklärung liefert, die uns das unerklärliche auf eine Ebene voller Hass, Schuld und Lust vereinfacht. Nein, ganz ehrlich, dass ist mir einfach zu pervers und krankhaft. Ich gebe zu, dass Mutter-Sohnbeziehungen sehr oft krankhaft sind. Es gibt sehr viele Muttersöhnchen, die es einfach nicht schaffen sich aus der Abhängigkeit zur Mutter zu befreien. Sie leben in dieser Dependenz und richten ihr ganzes Leben aus, um der Mutter gerecht zu werden. Falls diese Jungs mal eine Frau finden, dann pfuscht die Mutter konsequent in diese Beziehung hinein. Solche Söhne schaffen es kaum den Klauen der Übermutter zu entfliehen. Natürlich entsteht eine Konkurrenz zwischen Mutter und Frau, jedoch hat das nicht mit Sexualität zu tun, sondern mit Macht.

Im Laufe meines Lebens, hatte ich viele Gelegenheiten mich intensiv mit Söhnen zu beschäftigen. Mütter waren nicht selten Thema. Die Palette unterschiedlicher Beziehungsmuster sind aus meiner Erfahrung enorm groß. Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, diese Muster als zentral, wie es Freud gemacht hat, zu gewichten. Mütter sind für Söhne sicher von großer Bedeutung. Das gilt aber für Töchter gleichermaßen. Daher finde ich es sinnvoller die ganzen stereotypischen Ansätze beiseitezulegen und sich individuell mit der eigenen Mutter zu beschäftigen. Ich habe meine Mutter eher als distanziert erlebt. Das galt nicht nur auf emotionaler, sondern auch auf körperlicher Ebene. Ich habe dann Nähe empfunden, wenn es um rationale Kontexte ging. Sie liebte es zu diskutieren und argumentieren. Sie war dann in ihrem Element, wenn sie sich als elitär und intellektuell erleben durfte. Sie hatte nicht die Möglichkeiten mir das Gefühl der zärtlichen Wärme, der kuscheligen Geborgenheit zu vermitteln. Sie wirkte auf mich körperlich und emotional kontrolliert und distanziert. Dabei war sie in ihrem Wesen nicht so. Sie konnte durchaus bei Säuglingen diese Qualitäten umsetzten, nicht bei Kindern, die sprechen konnten. Ich glaube, dass sie emotional hochsensibel war. Daher musste sie sich schützen, indem sie diese Art von Nähe vermied. Vielleicht war es ihr einfach peinlich Gefühle zuzulassen. Sie war trotzdem immer da, wenn ich sie brauchte. Ich konnte mich auf sie hundertprozentig verlassen. Ob meine Geschwister das auch so erlebt haben, weiß ich nicht. Ich denke aber, dass es für sie ähnlich war. Insgesamt hatte ich schon das Gefühl in einer liebevollen, geborgenen Umgebung aufgewachsen zu sein. Daher mache ich ihr keinen Vorwurf, weil sie es nicht schaffte, mich in ihre Arme zu schließen – sie konnte es einfach nicht und sie war nicht in der Lage es zu lernen.

Inwieweit meine Mutter für meine Lebensentwicklung, für meine Sorgen und Defizite, für meine Beziehungsfähigkeit, für meine Lebenszufriedenheit zuständig war – ja, das ist eine spannende Frage. Ich neige immer mehr dazu, dass sie wenig Anteile dafür hat. Es ist so einfach die Last der Schuld für das eigene Leid auf andere Menschen zu verlagern. Ich habe gelernt, dass ich sehr viel emotionale Nähe und körperliche Wärme für mein Seelenheil benötige. Das ist nicht deswegen so, weil ich das von meiner Mutter nicht bekam, sondern weil ich das Bedürfnis habe. Ich habe in meiner Frau all das gefunden. Wir haben alle die Möglichkeit unser Leben zu gestalten. Väter und Mütter prägen uns vielleicht, doch es liegt an uns unser Weg zu finden. Ich halte es für vermessen meiner Mutter für ihre Art zu verzeihen, weil sie mir nicht dies oder jenes nicht geben konnte. Zumindest hat sie mich nicht in irgendeine Abhängigkeit gebracht, davon bin ich verschont worden. Sie hat nicht in mir das hineinprojiziert, was sie in ihrem Leben nicht hinbekommen hat. Das tun Mütter gerne. Ich glaube das hätte ich ihr niemals verziehen. Mütter, die ihre Kinder nicht loslassen, sind sehr schlechte Mütter. Nicht selten, wenn sie mehrere Kinder haben, suchen sie sich einen Liebling aus. Ich kann getrost behaupten, wenn meine Mutter einen Lieblingssohn hatte, dann war ich es nicht. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar – sie war für mich eine gute Mutter.

Ich möchte hierbei noch einen guten Rat weitergeben. Bitte nicht im Sinne Freuds und anderen Experten zu viel Wichtigkeit der Mutterrolle zuzuordnen. Mütter sind wichtig, aber nur bis man selbstständig wird. Danach liegt es ein einem, ob man zum Muttersöhnchen mutiert, oder ein eigenständiges Leben führt. Allen Müttern rate ich, sich in ihrer Rolle nicht so wichtig zu nehmen. Sie sollten eher ihr Frausein in den Vordergrund stellen und ihren Kindern zuzugestehen, ein eigenes Leben führen zu dürfen. Kinder gehören nicht den Müttern, sondern sich selbst! Das vergessen Mütter all zu oft. Sie glauben das Muttersein eine außergewöhnliche, weltbewegende und ultimativ wichtige Angelegenheit ist. Ich sage euch, nein, das ist es nicht. Es ist eine stinknormale Angelegenheit. Also nehmt euch nicht so wichtig, tut euer Bestes und macht nicht so ein Theater, wenn ihr Kinder bekommt. Eure Nachkommen werden es euch danken.

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