Warum ich gerne spende

Ich kann doch nichts dafür, dass die da so hausen

Wenn ich so alles zusammenzähle, dann habe ich 2020 eine hohe dreistellige Zahl an Euros gespendet. Warum es keine vierstellige Zahl wurde, ja darüber sollte ich mir Gedanken machen. Ich bin nicht reich an Geld und Besitztümer, dafür umso mehr an Glück und Zufriedenheit. Jetzt, wo ich wegen COVID nicht in der Welt herumjette, sehe ich weniger wie arm und bedürftig viele Menschen sind. Letztes Jahr waren wir um diese Zeit in Sao Paulo. Ich werde die Bilder der Armut nicht so bald vergessen können. Als Kind wuchs in Chile auf. Dort gab es auch viele Menschen in diesen Armenviertel auch, die in Holz- oder Blechbuden hausten. Was in Brasilien als Fabelas bezeichnet wird, heißt in Chile Callampas pobres. Sie besetzten mitten in der Stadt Land, bauten sich eben diese Buden aus irgendwelchen Abfällen zusammen und klauten den Strom von den Überlandleitungen mit abenteuerlichen, lebensgefährlichen Konstruktionen. Ich erinnere mich, dass es extra Wagen gab, die so konzipiert wurden, um diese Leitungen aus blanken Drähten zu kappen. Natürlich dauerte es nicht lange, bis neue Drähte die Landschaft schmückten. Ich war schon als Kind neugierig und besuchte oft mit meinem Rad diese Callampas. Es war sicher nicht ganz ungefährlich, aber mir ist dort nie etwas passiert. Ich sprach auch oft mit den Kindern, die mir niemals was getan oder mich gar beraubt haben. Ich glaube ich fühlte mich ihnen verbunden, obwohl ich blond, wohlhabend und aus einer anderen Welt stammte. Unter ihnen gab es meistens einen Anführer, der als starker Boss sie organisierte und durch das tägliche Leben, voller Armut manövrierte. Obwohl ich ein extrem ängstliches Kind war, fühlte ich mich unter ihnen sicher und beschützt. Was für ein Paradoxon, dort, wo Gewalt und Armut herrschte, fühlte ich mich sicher. Ich habe damals aus Dankbarkeit den Kindern viel geschenkt. Der Hit, waren unsere Murmeln. Auf spanisch sagten wir bolitas dazu. Wir spielten viel mit diesen Murmeln und es ging darum in eine Art Boolespiel die Murmeln der Gegner zu gewinnen, oder eben die Eigenen zu verlieren. Niemals hätte ich unbeschadet die Armenviertel verlassen, wenn ich meine Murmeln einfach so hergeschenkt hätte, aber in einem Spiel sie zu verlieren, das war voll in Ordnung. Ich war ein sehr guter Murmelspieler, ja sogar ein Meisterspieler. Bei den Kindern in den Armenvierteln verlor ich aber fast immer. Das waren meine ersten Spenden. Nur wenn es um meine richtigen Schätze ging verlor ich nie. Wir hatten unsere Mastermurmeln, wir nannte diese los tiritos, diese Schätze entsprachen vom Wert gut dreißig bis vierzig Murmeln.  Sie wurden von Besitzer besonders präpariert, damit sie einem, zum Sieg führten. Meine besten tiritos haben eine wochenlange Spezialbehandlung mit Sand und Wasser über sich ergehen lassen müssen, damit sie bei entsprechender Wurftechnik die richtige Flugbahn und den richtigen Grip bei der Landung bekamen. Nein die hätte ich mit meinem Leben verteidigt und das wussten meine Spielfreunde.

Die Murmeln, bolitas

Das ist ein Grund, warum ich spende. Während ich nach Hause durfte, warmes Essen und Trinkwasser bekam, eine hervorragende teure Schulbildung genoss und sicher sein konnte nicht verprügelt zu werden, war es für meine Freunde aus dem Armenviertel nicht so. Sie mussten Klauen gehen und wenn sie nichts heimbrachten, gab es Saures. Wusstet ihr, dass in Rio Kinder verstümmelt werden, damit sie mehr beim Betteln bekommen? Klar, kann jede und jeder hier sagen, das geht mich nichts an, denn dafür kann ich nichts. Ich kann das nicht, ich schaffe es nicht mich so abzugrenzen. Auch hier wird viel geschlagen und viel Missbrauch betrieben. Ganz egal wo auf dieser Welt Not herrscht, es sind Menschen, die leiden. Ich spende aus Dankbarkeit nicht in der Art leiden zu müssen, nicht um mein Gewissen zu beruhigen oder reinzuwaschen, weil ich zu wenig für Bedürftige tue. Ich spende, weil ich Freude und Zuversicht spenden möchte. Wisst ihr was, ich spende, weil ich das Glück hatte und habe geliebt zu werden und lieben zu dürfen. Das ist alles andere als selbstverständlich.

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